Mein Hood

Mein Hood

Dienstag, 5. Juli 2011

Bald bald...

03.07.10

Im Moment liege ich auf meiner Pritsche im Nachtzug von Bangalore nach Dharwad. Es ist zwölf Uhr, man hört nur den quietschenden Expresszug, der mit 50 km/h Maximalgeschwindigkeit dahin rattert. Alle anderen schlafen. Frederik und Ida schnarchen in den Pritschen über mir, ein fetter Mann gegenüber grunzt ungesund. Der atemraubende Gestank vom völlig verseuchten Zugklo ohne Türe dringt die zwei Meter ungefiltert ins Abteil. Und ein etwas melancholisches Ende im Film „Donnie Brasco“ hat mich nun in die Laune versetzt, zum ersten Mal wirklich dem Ende entgegen zu denken.

Am letzten Tag des End Year Camps unserer Organisation wurde es offiziell. Das Jahr ist vorüber. Für mich sind es jetzt noch genau 16 Tage. Zwei von circa 50 Wochen, bis ich meinem hiesigem Leben den Rücken kehren und wieder in die andere Normalität zurückkehren werde. „Normal“ war für mich immer ein relativ fest stehender Begriff. Etwas, das zu mir gehört, das nicht besonders ist, hätte ich als normal bezeichnet. Der Regionalexpress war normal. Radelnd ins Orchester fahren war normal. Das von Mama gekochte Essen nach der Schule in der Mirkowelle aufzuwärmen war normal. Fischsuppe mit Reis in der Sushibar. Und Desperate Housewifes am Donnerstag Abend war auch normal.

In dieses Jahr zu gehen, war nicht normal. Überhaupt nichts war darin vertraut. Man fing im Grunde von ganz vorne an. Alles Alte war unbrauchbar: Sprache, Kultur, Mentalität, Abläufe, Geschmack. Und natürlich vermisste ich alles gewohnt Normale. Spaghetti Putanesca, die bekannten Gesichter von überall oder einfach nur Vollkornbrot am Abendbrottisch. Besonders anfangs waren Reis oder ständiger Schimmel im Zimmer ohne Privatsphäre Dinge, die mich schnell erkennen ließen, dass sich gerade ziemlich viel auf einmal verändert hatte. Und es dauerte und dauerte bis ich mich abgefunden hatte. Es überdauerte den tausendmal wiederkehrenden Gedanken, wie es denn anders und besser sein hätte können, tausende „be quiet and sit down“, tausende Liter an Durchfall. Es mussten tausend Stunden Stromausfall, Regengüsse und tausend Portionen Reis vergehen, bis ich irgendwann feststellte, dass plötzlich alles wieder normal war. Unzählige Momente, in denen man dachte, dass man sich jetzt wirklich eingefunden hat in Land und Kultur, nur um eine Monat später festzustellen, dass man sich jetzt erst wirklich eingelebt hat. Und nun steht man da und sagt sich nach 11 Monaten, dass jetzt eigentlich erst der Zeitpunkt ist, an dem man wirklich eingelebt ist.

Normal sind ganz andere Dinge geworden: Einfach ein Taxi zum nächsten Supermarkt nehmen oder zweimal die Woche im besten Restaurant der Stadt einchecken. Sich mit unserer Wäsche- und Putzdame auf Hindi zu unterhalten und nicht auszurasten, wenn jemand ein vereinbartes Treffen eine Stunde später antritt oder gar nicht kommt. Man hat die Gesten aufgesogen (mit dem Kopf ein deutsches „naja“ wackeln, was ein indisches „auf jeden Fall“ ist), man reagiert voll entgeistert auf zu spärlich bekleidete Mädchen und würde nie über einen auf dem Boden stehenden Teller laufen. Ich rülpse, ich rotze und ich schmatze. Ich gehe ohne mit der Wimper zu zucken auf ein Klo, das bis oben hin mit Würsten gefüllt ist. Ohnehin belaufen sich 30% meiner Gesprächsthemen auf Fäkalien. Ich habe meine Menge an Plastik- oder Papiermüll auf ein Minimum reduziert. Fahrradfahren habe ich wahrscheinlich verlernt, dafür kann ich Motorradfahren – ohne Helm.

Mir geht Indien, die Kultur und die Menschen auf den Zeiger wie eh und je, gleichzeitig weiß ich nicht, wie es ohne werden soll. Es wird ernst und ich werde mich auf einen äußerst harten Abschied gefasst machen müssen.


1 Kommentar:

  1. Die Kultur ist wirklich außergewöhnlich.
    Lieben Gruß aus dem Hotel Marling
    www.lamaiena.it

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