Mein Hood

Mein Hood

Donnerstag, 28. Juli 2011

Der letzte Eintrag

Zwölf Stunden und das wars dann. Hier versucht man dem indischen Officer zu erklären, dass die orginale Residence Permit blöder Weise schon im Festgepäck eingecheckt ist und da grüßt man den deutschen Zoll mit einem freundlichen „Guten Tag“. Plötzlich war der Spuk zu Ende. Ein Jahr gegessen. Zwölf Stunden Flug drehen zwölf Monate einfach zurück, als ob nichts gewesen wäre. Der Eindruck fürs Erste jedenfalls.

Die ersten Tage fühlten sich so an, als ob ich genau da weitermachte, wo ich vor einem Jahr aufgehört hatte. Ich wurde vom welcome commitee der Familie vom Flughafen abgeholt und zuhause standen diverse wirklich überraschende Überraschungsgäste mit Grillwürschteln und einer Menge Bier Gewehr bei Fuß. Arzttermine folgten um meinem gereiztem Darm Herr zu werden, was soweit überraschend gut gelang. Bekannte und Freunde wurden besucht, ich bekam die lange ersehnten Spaghetti Putanesca zwischen die Zähne. Es passierte soviel um meine Ankunft herum, dass ich tagelang gar nicht wirklich ankam.

Das Leben zuhause musste ich wieder neu erlernen, was jedoch alles andere als schwer fiel – Erkenntnis Nummer eins: Unser Leben lebt sich so einfach, dass man sich nirgends im Alltag in irgendeiner Form anstrengen müsste. Durst, Händewaschen, Zähneputzen – Wasserhahn an, statt den Kanister am Tank befüllen und wieder zurück schleppen. Hunger – in den aus allen Nähten platzenden Kühlschrank greifen, die Mikrowelle anschmeißen oder notfalls das Ceranfeld bedienen. Anstatt der täglichen Malzeit aus Bananen und Parle G Keksen. Druck auf der Blase – mit der Zeitung aufs Sitzklo, statt sich über die stinkende und nasse Schüssel der Volunteers zu kauern. Die Liste lässt sich endlos erweitern: Keine Lust auf andere Menschen – ich mache die Tür zu und höre und sehe niemanden mehr. Ich brauche Internet – ich gehe ins Internet, und zwar wann immer ich will. Ich bewege mich mit Auto und Roller fort, ich schrubbe mich mit drei verschiedenen Shampoos, ich lebe meinen Drang aus, die Klobrille vor Sauberkeit ab zu lecken, ich inhaliere den Duft von Waschmittel in meinen Klamotten und verbringe Stunden damit, sinnlos auf der Riesencouch durch 324 Sender zu zappen.

Doch gleich darauf folgt Erkenntnis Nummer zwei: Gelüste, Wünsche, Träume, angesammelt in 364 Tagen, können sich in drei Tagen in Luft auflösen. Ich bin wieder drin, in der anderen Normalität, so schnell, dass ich kaum schauen konnte. Über Fragen nach Sinn und Grund unserer Lebensweise macht man sich die ersten 48 ernsthaft Gedanken, dann gibt man entsetzt auf, da es einfach zu viele Gedanken sind. Man gar nicht weiß, wo man hindenken soll. Und je länger man hier ist, desto schwieriger wird es, die letzten Zwölf Monate unter einen Hut zu bringen. Ein Dauerreiz an Fremdem, Ungewohntem und Besonderem geht von 100 auf 0 zurück – von einem auf den anderen Tag. Je mehr Zeit hier vergeht, desto mehr türmt sich alles zu einem riesigen Haufen an Emotionen und Erlebnissen auf, die kaum in Worte zu fassen sind.

Aber die Zeit wird ein paar Antworten bringen – so hoffe ich jedenfalls. Es stehen noch ein paar Urlaube und Besuche an, bevor ich auch das weltwärts-Programm des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (oder den unter Volunteers so genannten "Niebel-Urlaub") mit einem letzten Rückkehrer-Seminar Ende August abschließe.

Da dies wohl mein letzter Blog sein wird, möchte ich mich hier bei allen bedanken, die fleißig mitgelesen haben. Es hat mir selbst wahnsinnigen Spaß gemacht, mein Jahr ein kleiner Form auf Papier zu bringen. Die an manchen Stellen etwas fehlende Feinfühligkeit Land und Leuten gegenüber darf bitte unter keinsten Umständen ernst genommen werden. Dieser Hinweis zu meinem teilweise etwas übertriebenen Sarkasmus kommt zwar ein bisschen zu spät, doch wollte ich es in der Form deutlich machen und nehme das vielleicht gleichzeitig als Ergebnis meiner Erfahrungen: Indien ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Leuten. Indien hat so viel Schönes (sehr viel ist dort weitaus schöner als bei uns). Doch einen Inder und einen Europäer könnte nicht mehr trennen – was diese Kultur auch wunderbar kompliziert macht. Den Kern indischer Kultur zu verstehen, dafür reicht kein Jahr, dafür reichen wahrscheinlich auch nicht fünf Jahre. Vielleicht kann man sie letztendlich auch nur aus der Vogelperspektive betrachten und als Außenstehender gar nicht wirklich Teil davon werden. Aber die Tatsache, dass es überhaupt eine andere Kultur gibt, die unserer so verschieden ist und doch ganz genauso richtig und wahr ist wie die unsere, ist eine Erkenntnis, die mir genügt. Hat man das einmal akzeptiert, dann kommen einem die Menschen dort nur noch halb so fremd und unbekannt vor und man kann sich tiefer hinein stürzen.

Abschlussabend im Majur Hotel


Die gesamte Freiwilligen-Mannschaft

Die Rotznasen beim Abschied

Sohil

Dienstag, 5. Juli 2011

Bald bald...

03.07.10

Im Moment liege ich auf meiner Pritsche im Nachtzug von Bangalore nach Dharwad. Es ist zwölf Uhr, man hört nur den quietschenden Expresszug, der mit 50 km/h Maximalgeschwindigkeit dahin rattert. Alle anderen schlafen. Frederik und Ida schnarchen in den Pritschen über mir, ein fetter Mann gegenüber grunzt ungesund. Der atemraubende Gestank vom völlig verseuchten Zugklo ohne Türe dringt die zwei Meter ungefiltert ins Abteil. Und ein etwas melancholisches Ende im Film „Donnie Brasco“ hat mich nun in die Laune versetzt, zum ersten Mal wirklich dem Ende entgegen zu denken.

Am letzten Tag des End Year Camps unserer Organisation wurde es offiziell. Das Jahr ist vorüber. Für mich sind es jetzt noch genau 16 Tage. Zwei von circa 50 Wochen, bis ich meinem hiesigem Leben den Rücken kehren und wieder in die andere Normalität zurückkehren werde. „Normal“ war für mich immer ein relativ fest stehender Begriff. Etwas, das zu mir gehört, das nicht besonders ist, hätte ich als normal bezeichnet. Der Regionalexpress war normal. Radelnd ins Orchester fahren war normal. Das von Mama gekochte Essen nach der Schule in der Mirkowelle aufzuwärmen war normal. Fischsuppe mit Reis in der Sushibar. Und Desperate Housewifes am Donnerstag Abend war auch normal.

In dieses Jahr zu gehen, war nicht normal. Überhaupt nichts war darin vertraut. Man fing im Grunde von ganz vorne an. Alles Alte war unbrauchbar: Sprache, Kultur, Mentalität, Abläufe, Geschmack. Und natürlich vermisste ich alles gewohnt Normale. Spaghetti Putanesca, die bekannten Gesichter von überall oder einfach nur Vollkornbrot am Abendbrottisch. Besonders anfangs waren Reis oder ständiger Schimmel im Zimmer ohne Privatsphäre Dinge, die mich schnell erkennen ließen, dass sich gerade ziemlich viel auf einmal verändert hatte. Und es dauerte und dauerte bis ich mich abgefunden hatte. Es überdauerte den tausendmal wiederkehrenden Gedanken, wie es denn anders und besser sein hätte können, tausende „be quiet and sit down“, tausende Liter an Durchfall. Es mussten tausend Stunden Stromausfall, Regengüsse und tausend Portionen Reis vergehen, bis ich irgendwann feststellte, dass plötzlich alles wieder normal war. Unzählige Momente, in denen man dachte, dass man sich jetzt wirklich eingefunden hat in Land und Kultur, nur um eine Monat später festzustellen, dass man sich jetzt erst wirklich eingelebt hat. Und nun steht man da und sagt sich nach 11 Monaten, dass jetzt eigentlich erst der Zeitpunkt ist, an dem man wirklich eingelebt ist.

Normal sind ganz andere Dinge geworden: Einfach ein Taxi zum nächsten Supermarkt nehmen oder zweimal die Woche im besten Restaurant der Stadt einchecken. Sich mit unserer Wäsche- und Putzdame auf Hindi zu unterhalten und nicht auszurasten, wenn jemand ein vereinbartes Treffen eine Stunde später antritt oder gar nicht kommt. Man hat die Gesten aufgesogen (mit dem Kopf ein deutsches „naja“ wackeln, was ein indisches „auf jeden Fall“ ist), man reagiert voll entgeistert auf zu spärlich bekleidete Mädchen und würde nie über einen auf dem Boden stehenden Teller laufen. Ich rülpse, ich rotze und ich schmatze. Ich gehe ohne mit der Wimper zu zucken auf ein Klo, das bis oben hin mit Würsten gefüllt ist. Ohnehin belaufen sich 30% meiner Gesprächsthemen auf Fäkalien. Ich habe meine Menge an Plastik- oder Papiermüll auf ein Minimum reduziert. Fahrradfahren habe ich wahrscheinlich verlernt, dafür kann ich Motorradfahren – ohne Helm.

Mir geht Indien, die Kultur und die Menschen auf den Zeiger wie eh und je, gleichzeitig weiß ich nicht, wie es ohne werden soll. Es wird ernst und ich werde mich auf einen äußerst harten Abschied gefasst machen müssen.