Mein Hood

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Montag, 6. Juni 2011

Varanasi

Man stelle sich ein Stück Land vor. Mit einem Fluss, in dem regelmäßig Leichen vorbeitreiben und daneben die Familie Sayad bei Sonnenaufgang ihr Morgenbad bewältigt. Eine Stadt, mit Häusern so eng, dass man den Himmel kaum mehr sieht. Gassen, die so schmal sind, dass, wenn eine Kuh dazwischen steht, die Leute sich gerade links und rechts vorbei drücken können. Und, gepflastert mit Kuhscheiße überall, man aufpassen muss, wo man hintritt. Eine Stadt, in der sich gefühlt gleich viele Bettler aufhalten, wie Erwerbstätige. In der man keine Sekunde alleine sein kann. Die alle Paradoxa enthält, die ich die letzten 9 Monate entdecken konnte. Eine Stadt, die gleichzeitig so nervtötend wie faszinierend ist. Die älteste bewohnte Stadt der Welt: Varanasi!

Ich bin nun wirklich in Indien angekommen. Indischer lässt es sich nicht denken. Alles was Indien an Sonderbarem, an „Nicht-Normalem“ zu bieten hat, gipfelt hier. Es ist so hektisch, dass einem selbst gar nicht auffällt, wenn man planlos stundenlang durch die Gassen rennt. Und schließlich vollkommen fertig im Hotel ankommt, vor Hitze am Zusammenbrechen. Man lehnt sich auf seinem Bett an die Hotelwand und es fühlt sich an – ohne Witz – wie eine Dampfsauna mit heißem Stein im Rücken. Man will sich die Haare von der Stirn streichen (ich habe sie mir alle gleich mal auf 3mm abrasiert) und merkt, dass es nur Schweißtropfen sind.

Es ist so voll und anstrengend durch die Straßen zu ziehen, dass man sich zweimal überlegt, ob man sich aus dem 2m² Ventilatorradius seines Zimmers wegbewegen soll. Man ist froh, wenn man in der nächsten Ventilatorzone des Restaurants angekommen ist. Nun sind aber die Minuten von Hotel zu Restaurant äußerst prekär (besonders, wenn sie an den Ghats des Ganges verlaufen), denn man sieht sich ständig mit drei Sätzen konfrontiert, die es gilt, ohne Wutausbruch zu beantworten:

a) Want Hash, my friend? I have very good Hash! I make good price for you.

b) Want cheep room? Is very good room!

c) Brother, want boat? Is very cheep boat!

Frauen erzählen meist noch von einer Variante, die ich natürlich nicht zu hören bekam:

d) Hey, want Sex? (der genaue Wortlaut, nach der Erzählung einer Amerikanerin in Nepal, war: Hey, actually I'm a Gigolo. But for you I make it for free.)

Die ersten zwei Tage reagiert man noch mit Sätzen: „Sehe ich aus, als ob ich ein Boot brauche?“ Oder man versucht ihm zu erklären, dass man ja eigentlich Nichtraucher sei, er sich sein Hash, Opium und Koks also sonst wohin stecken könne. Aber spätestens ab dem dritten Tag reagiert man einfach gar nicht mehr. Und auch wenn er dir zehn Mal „Friend“ und „Brother“ hinterher ruft, man dreht sich nicht um. Sehr wichtig ist auch, keinen Blickkontakt mit irgendeinem Inder aufzunehmen, der nach Fährmann, Händler oder Drogendealer aussieht (wobei eigentlich an nichts erkennbar, wobei wiederum es ohnehin fast alle sind). Denn damit hat man das einseitige Verkaufsgespräch im Grunde selbst eröffnet und es folgt ein: „Yes Sir, please, have a look, I have very cheep blablabala.“

Die eigentliche Ruhe und Spiritualität, die Varanasi zu bieten hätte, ist somit für einen weißen Touristen fast gestorben. Ich habe mir eines Tages die Mühe gemacht und bin um 5 Uhr aufgestanden um die im Lonely Planet so empfohlene Sunrise Boattour zu machen. Als ich mich dann zum Ganges geschleppt hatte, war ich so nicht imstande, geduldig über den Preis des Bootes zu verhandeln (war nämlich kein cheap boat), dass ich mich entnervt auf die Treppen gesetzt habe und mir einfach die ganze Szenerie einmal angesehen habe. Und da geschah das Unglaubliche: Ich wurde sicherlich für eine ganze Stunde nicht angequatscht. Niemand wollte Boat oder Hash loswerden. Vielleicht besitzen die Leute ja doch so einen gewissen Restanstand, Touristen am heiligsten Ort nicht konsequent zu quälen. Zufrieden ging ich danach wieder zurück ins Bett.

Amüsant war auch, so Manches aus dem Blickwinkel zu betrachten, der dem eines Touristen entspricht, aber manchmal doch auch wieder nicht. Zum Beispiel bieten viele Restaurants eine „Abend Live Show“ an. Man kann sich in das überteuerte Restaurant hineinsetzen und bekam ein klassisches indisches Konzert zu hören. Sitar und Tabla. Ich freute mich inwendig, meinem Tischnachbarn (ein Ungar, mit dem ich mir mein Zimmer teilte) mitteilen zu können, das dort oben der allergrößte Gradler saß. Das war geradezu peinlich, wie die beiden da herum manövrierten. Und Tag für Tag füllen die zwei das Restaurant mit Touristen, die auch für orientalische Klänge ganz offen sind.

Am 25. war mein großer Tag gekommen und es ging daran, meinen Geburtstag nicht alleine in Varanasi zu verbringen. Ich ergriff also die Instant-Friend Action Plan und lud einfach alle Leute ein, die man beim Essen, beim.... ja, hauptsächlich beim Essen trifft. So ging doch eine kleines Geburtstagsgathering zusammen, das wir zu zehnt in meiner Lodge feierten (eine völlig abgefahrene Villa im Kolonialstil im versifftesten Hinterhof Varanasis. Total heruntergekommen, aber mit einem Charme, dass ich mir geschworen habe, dass ich im Falle, ich werde Millionär, mir diese Villa kaufen werde). Es war so heiß, sogar noch um elf Uhr abends, dass ein getrunkenes Bier nicht schnell genug in den Magen gelangen konnte, bevor es schon heraus geschwitzt war.

Am letzten Tag tat ich es dann. Die unter Touristen gefürchtetste Unternehmung in Varanasi: Ich ging im Ganges schwimmen. Kanadier erzählten von bekannten kanadischen Ärzten im auswärtigen Dienst, die tote kanadische Touristen obduzieren mussten, nachdem sie im Ganges ein Bad genommen hatten. Nach meinem Schwum konnte ich für eine Stunde nicht mehr herunter schlucken. Jedoch habe ich es trotzdem überlebt und bin inzwischen wieder heil im Projekt im erstaunlich abgekühlten Karnataka angekommen.

Meine Aufgaben hier haben sich komplett verändert: Ab nun bin ich der Collge Boys Lehrer, das heißt, meine Schüler sind teilweise älter als ich. Mal sehen, wie sich das auf meine Autoritätsfähigkeit auswirkt. Nachdem acht von zwölf gleich in der ersten Stunde nicht aufgetaucht sind, habe ich gleich mal alle unangemeldeten Ausgänge nach Kalkeri und Dharwad gestrichen und einige Anwesenheitspflichten zu Hausaufgabenzeiten ect. etwas verschärft. Das wird eine harmonische und entspannte zweite Stunde werden...



Mein Beweisfoto. Ich habe mich in der Suppe seelisch reinigen lassen.

Der verhauteste Innenhof der Gegend


Meine Villa mit Partyvorgarten

Die Geburtstagsgruppe


Ist schon nett, sich so bei 40°C durch die Mittagshitze radeln zu lassen.

Die varanasische Skatergang





Die Leichenverbrennungsghats. Man sieht es leider nicht aber hinter dem Holz werden 300 Leichen pro Tag auf Scheiterhäuften verbrannt.

Mein erster Schlangenbeschwörer; wäre auch eine Schande gewesen, ein Jahr in Indien verbracht zu haben und das nicht gesehen zu haben.

Mein Anti-Hitze-Haarschnitt