Mein Hood

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Freitag, 20. Mai 2011

Nepal

Die Gruppe hatte sich im Laufe der Reise inzwischen von vier auf zwei verkleinert, als Philipp und ich am 5. Mai die Grenze nach Nepal überschritten. Wobei Grenze ein kaum haltbarer Ausdruck ist für das, was Indien und Nepal offiziell teilen sollte: Ein Ort namens Kakarbitta, eine Straße voll mit Geschäften, Fahrradrikschas überall. Dann kam eine Brücke mit einem Haufen untätig herumstehender Polizisten und Soldaten. Das gleiche Bild auf der nepalesischen Seite der Brücke. Wir marschierten munter darüber, mit Pass in der Hand und warteten darauf, dass jemand unser Visum genau kontrollieren würde; nichts, überhaupt nichts. Kein einziger wollte unseren Pass sehen, die 40$ Visagebühren hätten wir uns sparen können. Das ist zwar bei Österreich auch nicht anders aber für zwei Länder, bei denen eins das andere ständig annektieren will, ist das schon ein bisschen lasch. Der erste Eindruck, den Philipp und ich von Nepal (und auch schon des hohen Nordens Indiens) hatten, bezog sich auf Mädchen. Plötzlich sah man Mädchen wieder in kurzen Hosen herumlaufen! Und dann schauen die dich auch noch an! Auf offener Straße! Alles ausgemachte Schlampen da oben im Norden! Also wirklich, keinen Funken Anstand bei dieser Jugend... Nein, man hatte wirklich das Gefühl, dass gesellschaftliche Konventionen und Restriktionen immer weniger wurden, je nördlicher es ging. Das war schon in Darjeeling so, aber in Nepal war es nochmal deutlicher spürbar. Mädchen schauen nicht scheu zu Boden, sobald man sie anblickt, Frauen grüßen von sich aus mit einem deutlichen „Namaste“ - undenkbare Situationen in Karnataka.

Nach ein paar interessanten Tagen in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, wollte ich schnell nach Pokhara, von wo aus es auf einen achttägigen Treck um den Anapurna (8000 irgendwas Meter) gehen sollte. Da Philipp aber noch in Kahtmandu bleiben wollte, dachte ich mir, jung und spritzig wie ich doch bin: Machste eben alleine. Bekräftigungen von allen Seiten: Ja klar, das ist ein Touristenhighway da hoch, da findest du auf jeden Fall ein Haufen Wanderfreunde, mach nur. Nun beging ich aber zwei Fehler. Der erste war, dass ich diesen Leuten Glauben schenkte, die alle in der Zeit von November bis Februar dort oben waren – also in der vollen Hauptsaison. Der zweite, dass ich mich entschied, den Jomson Treck (das ist eigentlich der Abstiegsweg des großen Annapurna Circuit Trecks) zu machen. Sollte ich das Ergebnis in einem Filmtitel benennen, würde es nach meinem großen Bergsteigervorbild Heinrich Harrer „Sieben Tage in Nepal“ werden. Ich stampfte sieben Tage lang durch die Prärie und alle Leute, die ich traf, waren die, die mir entgegenkamen und mich ungläubig fragten, wieso ich den hier hinauf gehe. Das raubt einem zugegebenermaßen anfänglich doch ein wenig die Motivation aber als erfahrener Gipfelstürmer weiß man ja: Niemals entmutigen lassen. Georg ist extra nach Nepal um dort in einem buddhistischen Kloster eine Woche schweigend zu meditieren. Ich habe dies und Wandern extrem zeiteffizient verbunden. Nachdem der Anfang des Trecks auch noch die westlichen Wälder Augsburgs hätten sein können (bis auf die Hüttenpreise: 50 Cent bis max. 2€ die Nacht; incl. heißer Dusche), begann es ab dem Ort Ghasa (2000m) richtig spannend zu werden. Steinwüsten bei lauen 15°C, die Sonne brennt knüppelhart nieder und ohne es zu merken – denn es ist ja kalt und ein wahnsinniger Wind bläst einem um die Ohren – holt man sich in kürzester Zeit einen äußerst unangenehmen Sonnenbrand. Deswegen auch dieses supersexy Handtuch auf so manchem Bild, denn ich hatte dabei, was ich nicht brauchte (Winterausrüstung gegen ca. -20°C) und nicht dabei, was ich dringend gebraucht hätte (z.B. Hut oder einfach nur Sonnencreme). Flusstäler, von wo aus man rechts und links die 8000er stehen sieht und einen Hindutempel und Buddhagompa neben dem anderen. Ich fühlte sich wie in einem Karl Mai Film (außer natürlich die Tempel); ich wartete ständig auf hunderte Indianer, die langsam, entgegen der Sonne nur schemenhaft zu erkennen, nebeneinander aufgereiht hinter einem Bergkamm auftauchten. Ein langsames „uhuuu“ aus der Bansuriflöte und ein paar Tablaschläge. Einfach weggerannt wäre ich ihnen mit meinen 15kg sinnlosem Gepäck, denn ich war derart in Form nach meinen strammen Tagestouren, dass ich schon die Packpferde mit ihren Sherpas mit Leichtigkeit überholte (waren allerdings auch nur Ponys mit jeweils 70kg beladen).

Der zeitweise aufkommende Langeweile, wenn ich mich nicht gerade mit Indianerphantasien beschäftigte, ließ sich auf zwei Arten entgegenwirken: Da der Weg nicht schwer zu laufen war, konnte ich zum einen ausgezeichnet lesen. Ich habe mir einen ausgezeichneten Roman eines Mario Vargas Ilosaüber die Diktatur in der dominikanischen Republik der 60er besorgt. Die zweite Möglichkeit, der monotonen Steigung (ha, wer schnallts?) zu entkommen, war mein mit einer seit Ewigkeiten gleicher Stücke gefüllter Ipod. Unter anderem befand sich dort auch noch eine Vorlesungsreihe darauf, die man bei Itunes University herunterladen konnte. Eine Philosophie-Vorlesungsreihe zum Wahrheitsbegriff des Anselm von Canterburry in De veritate, gehalten von einem einem Prof. Maarten Hoenen an der Universität zu Freiburg. Stundenlang lernend durch die Natur wandern; was gibt es Schöneres? Wenn das in einer zukünftigen Philosophievorlesung drankommen wird, dann werde ich da aber sowas von abstreben!

Das Ziel meiner Wanderung war die Stadt Muktinath auf 3800 Metern, die für Hindus wie Buddhisten ein überaus wichtiger Pilgerort ist. Hier traf ich in der Tempelanlage einen Saddhu aus Karnataka. Sofort kamen wir natürlich ins Gespräch, wo er genau her sei, was ich denn dort mache ect. Am Ende erhielt ich eine Einladung für ein Abendessen in der Pilgerabsteige in Muktinath. Schon aus Kostenersparnisgründen nahm ich dankend an (eine Portion Reis mit Gemüse und Dhal – das arme-Leute Essen schlechthin – kostet dort oben unverschämte 3,50€!). Das Abendessen war der Oberhammer. Ich sollte mich in dem Hinterhof der Polizeistation einfinden, da dort der Übernachtungsplatz für die Pilger sei. Der Saddhu aus Karnataka nahm mich herzlich in Empfang und führte mich zu einer Tür, die mir ungefähr bis zum Bauchnabel ging. Kroch man dort hindurch, fand man sich wieder in einem dunklen, großen Raum mit sehr niedriger Decke. Keine Möbel, eine einzige Glühbirne, sonst nur Kerzen. Nur schemenhaft konnte man die sechs im Raum verteilten Gestalten sehen, alle auf dem Boden sitzend in Decken eingehüllt. Keiner sprach ein Wort. Mein Saddhu war ehemals Software Engineer in Bangalore und sprach daher fließend Englisch. Es wurde Dhal Bat gekocht, die nepalesische Bezeichnung für Reis mit Dhal und Gemüse. Anfangs dachte ich, das Saddhutum sei mehr ein reines Pennerdasein (ist es ja zum Teil auch, denn der Lebensunterhalt wird mit Betteln verdient) und wenn ich die Kollegen betrachtete, machte es auch genau den Anschein. Doch mit der Zeit hatten mich die anderen entdeckt und kamen interessiert zur Kochecke herüber. Es stellte sich heraus, das fast alle hochgebildet waren und die meisten sehr gut Englisch konnten. Der eine hatte ein Geschäft in Goa (hatte auch Business studiert), der andere war lange in Kathmandu tätig (der einzige nepalesische Saddhu). Es wurde ständig Charras geraucht – also Haschisch – denn das ist in Nepal irgendwie nichts anderes mehr als eine Nudelsuppe zu essen; oder aufs Klo zu gehen. Gras wächst in jedem Guesthouse im Blumentopf am Fenster, in den Bergen kann man das Zeug frisch vom Weg abpflücken und die Bauern schimpfen, dass dieses Unkraut ihnen den letzten Nerv raubt. Auffallend war, dass diese Menschen das hatten, was den meisten Indern fehlte: Ein Interesse an der Welt und allem, was über den täglichen Horizont hinausgeht. Die Kerle waren geschichtlich bewandert, wussten wo Deutschland liegt und dass es mal geteilt war oder hatten theologisch was drauf (so gut wie kein gläubiger Hindu kann dir etwas über seine Religion erklären; man macht es einfach so aber man fragt nicht warum oder wieso). Es war einfach ganz leicht ersichtlich, dass diese Menschen mehr gesehen hatten als ihr Dorf und vielleicht noch das Nachbardorf – kein Wunder, denn so mancher wanderte seit 30 Jahren in Indien herum; das bildet!

Ein äußerst befriedigender Abend, der mir aber aufgrund der Schärfe des Ei-Sabbgis meinen Darm gefühlt einmal umstülpte und ich das dritte Mal auf meiner Reise krank wurde (hatte sich aber schnell wieder beruhigt).

Inzwischen bin ich in einem kleinen Bergdorf namens Tansen gelandet, wo ich zwei andere Freiwillige, die hier arbeiten, kennen gelernt habe. Der letzte Abschnitt meiner Reise wird Varanasi sein, von wo aus es 48 Stunden mit dem Zug in mein Projekt gehen wird; jeeeeeeeha!




Anreise mit blinden Passagieren


Wasserfallpool in Ghasa, man konnte prima Baden gehen






Muktinath

Die Saddhutruppe




Schalalalaaaaaaa, am tibetischen "Gipfelkreuz" auf ca. 4200m

Tibetische Gompa from se inseid

Pilger in Muktinath

Mein Saddhu aus Bangalore



Die Wuestenoase Kakbeni

Uhuuuuu, dam dam dam






Poonhill (3200) mit Tasse Kakau


Es nimmt doch ein bisschen mit

1 Kommentar:

  1. Hallo Fabian,
    ich bin zur Zeit in Indien und wuerde gerne nach Nepal reisen. Vielleicht kannst du mir bei ein paar Fragen (vor allem bezueglich des Visums) weiterhelfen?!
    Kann ich dich irgendwie kontaktieren?
    gruesse, mio

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