Mein Hood

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Samstag, 30. April 2011

Zweiter Urlaubsblog

Der anstrengende Teil begann mit Mumbai und Kalkutta, zwei eigentlich sehr interessante Städte. Mumbai hatte neben einigen imposanten Kolonialbauten auch ein Nachtleben, was für Indien die totale Ausnahme ist. Ab 11 Uhr nachts gibt es nämlich selbst in Städten wie Bangalore oder Delhi im Grunde nur noch einen Chai am Straßenstand aber sonst ist alles tot. In Mumbai ging im Hafenviertel noch bis um ein Uhr die Sause, was man sich nach 9 Monaten Kalkeri natürlich nicht entgehen lassen darf. Am Ende war es dann zu viel Sause, weshalb es mich in der letzten Nacht vor dem Abflug nach Kalkutta volkommen zerlegt hat. Schüttelfrost, Fieber, ect… Malariaängste beflügelten mich dann sogar noch zu einem Krankenhausbesuch am nächsten Tag, wo ich mich im Untersuchungszimmer plötzlich neben einer Toten wiederfand (wollte schon „Hallo“ sagen, habe es aber dann geschnallt). Der Flug wurde trotzdem durchgezogen und nach einer mäßig entspannten Nacht am Kühlschrank-Flughafen Kalkutta, dachte ich, nun wird die Wiege indischer Kultur, der Schauplatz aller Indien-Romane, das Cliche „Indien“ schlechthin, einmal zielstrebig erkundet: Nach zwei Tagen Ruhe im Hotel hatte ich solchen Durchfall, dass ich dachte, mein Darm zieht es gleich mit raus – Auftakt zu Krankenhausbesuch Nummer II. An den Tropf, um der Dehydration vorzubeugen (jeder Tropfen Wasser, den ich trank, lief aber sowas von schnurstraks durch, da war einfach kein Ausweg mehr). Damit war dann Kalkutta auch gesehen. Das Hotel war schön, das Krankenhaus auch, und weiter ging es mit dem Nachtzug nach Darjeeling, dem Teemekka, dem Vatikan der Teetrinker. Hier erschlug uns zuerst einmal die Kälte. 2000m liegt die Stadt im Vorhimalayaland. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, wieder Berge zu sehen und die Skijacke (die man in Kalkutta fassungslos mit sich herumträgt) auszupacken. Die Leute bekommen Schlitzaugen, sind entspannter, überall Buddhisten und Tibeter, das Gehupe nimmt ab und der ganze Stress fällt plötzlich von einem ab. Hier will man so schnell nicht mehr weg. Ich muss mir zwar noch jeden Tag die ultimative Folter geben, wenn ich den anderen beim Pizzaessen zusehen muss, denn ich weiß, dass das wieder im Chaos enden würde. Aber die Stadt allein lohnt sich schon echt.


Hinterhof in Kalkutta

Schulbus in Kalkutta


Darjeeling I


Darjeeling II

tibetische Gebetsfahnen, Darjeeling

Teegarten

Donnerstag, 21. April 2011

Erster Urlaubsblog

Man hielt es nicht mehr für möglich aber der April ist schließlich eingekehrt und damit die große Freiheit für alle Volunteers. Dieser Eintrag wird gerade in einem Bus nach Gokarna geschrieben, dem ersten Ziel unserer großen Reise – Sex, Drugs and Rock’n Roll. Es passiert unter der strengen Aufsicht von den drei Indern auf der Hinterbank, die uns völlig entgeistert über die Schulter schielen, wie man denn einen Fernseher mit in den Bus nehmen kann.

Die Schulkinder sind schon seit dem 4. April außer Haus und die letzten zehn Tage konnte man in der Unterhose im Schulwald herumrennen. Das Essen war ausgezeichnet, da dié Küche mit dem Budged, das sie sonst für 200 Schüler plus Angestellte zur Verfügung hat, nun für die 15 übriggebliebenen Volunteers und Officeworker kochen konnte. Kokusnusschatni, Idlis, Chicken und alles, was das indische Gourmetherz begehrte wurden von Kamlagi Tag für Tag in der Küche gezaubert. Und die Ferienarbeit war auch nicht zu aufreibend: ein bisschen Streichen, ein bisschen Aufräumen und Zeugnisse schreiben.

Und um sich von diesen zehn schwerem Ferientagen zu erholen, fahren Frederik und ich in den sechswöchigen Urlaub in Norden Indiens. Die Route sieht folgendermaßen aus: Strandurlaub in Gokarna (ein bisschen südlich von Goa), Drogenexzesse in Goa, von Mumbai einen Flug nach Kalkutta, wo wir dann zu viert sein werden. Darauf eine Tour nach West-Bengal nach Dargeeling, die Teestadt Indiens ganz im Norden. Darauf scharf abbiegen in Richtung Westen und den Mount Everest in Nepal besteigen (naja, vielleicht eher drumherum laufen). Kathmandu, die Hauptstadt Nepals, mit einem Freiwilligen, der dort arbeitet erkunden und womöglich ein bisschen Trekken gehen. Und zum Abschluss – wieder südlich innerhalb Indiens – Varanasi.

21.04.

Gokarna und Goa: done. Das Hirn ist herausgekifft, alle pseudoindischen Touristenspeisen ausprobiert (der Nutella-Banana-Parota ist der absolute Oberknaller) und die indische Langhosenblässe ist abgelegt. Von Goa aus sind wir heute mit dem Sleepersbus nach Mumbai gefahren. Eine Supersache, diese Sleepersbusse, obwohl ich wahrscheinlich mit dreizehn aus diesem Bett herausgewachsen bin. Der erste kulturelle Besuch in Mumbai galt McDonalds. Nach acht Monaten als Eremit fühlte man sich wieder in der Zivilisation.

Und im Moment sitzen wir, glücklich die horrenden Hotelpreisen umschifft zu haben, in der Wohnung eines Couchsurfers, den Frederik ausfindig gemacht hat. Der erste Inder seit 8 Monaten, der mehr als zwei Bücher im Haus hat. Bombay ist schon wieder eine ganz andere Welt.





Donnerstag, 7. April 2011

Ein Elternabend im Dschungel

Letzten Sonntag war das große say goodby für alle Kinder, die jetzt in die großen sechswöchigen Ferien entlassen wurden.
Die Eltern trafen dabei auf einen hoch organisierten Stab an Voluntären und das meine ich ausnahmsweise einmal nicht ironisch. Jay und das Team im Office hatte gute Arbeit geleistet um diesen Tag völlig unindisch ablaufen zu lassen. Die Vorbereitungen passten und alles funktionierte recht unkompliziert (ich war vielleicht auch am chilligsten Posten und so mancher würde mir jetzt wahrscheinlich ins Genick springen; außer vielleicht Frederik, der vier Stunden den Ausgang bewachen musste).
Die Schule hat nämlich ein ziemlich unverschämtes Problem, das aber natürlich auch begründet werden kann: Ein großes Desinteresse der Eltern an der akademischen und musikalischen Ausrichtung der Schule.
Das Problem (und gleichzeitig auch der Sinn der Schule) ist, dass fast alle Kinder aus sehr armen, ungebildeten und problematischen Haushalten kommen. Bauern, die oftmals gar kein eigenes Land besitzen, Busfahrer, Bauarbeiter, Prostituierte und Familien, in denen die Eltern gestorben sind, der Vater säuft oder nicht arbeiten geht. Diese Leute waren größtenteils gar nicht in der Schule, können nicht lesen oder schreiben, oder haben maximal ein paar Jahre in irgendeiner Dorfschule verbracht. Und wer selbst nie Bildung erlebt hat, versteht auch den Sinn und Wert von Bildung nicht. Die meisten sind zwar der Schule dankbar, da sie kostenlose Unterkunft und Verpflegung zur verfügung stellt. Dass das "Nebenprogramm" von Musikunterricht und akademischen Stunden aber die eigentlich Essenz darstellt, ist manchen nicht so ganz klar.
Das sollte an diesem Tag ein wenig korrigiert werden und meiner Meinung nach ist das auch ein wenig gelungen.
Der Tag begann mit langsamem Eindröppeln der Eltern ab 10:00 Uhr. Am Office mussten sich alle eintragen und bekamen einen „Parent's Pass“ von Ida, der Grinsefrau am Customer Care Stand auf der Officeveranda. Unterschrieben wurde mit Daumenabdruck. Das war schon ein Anblick: Die ganzen Bauern in ihren Lungis und ihren zentimetertiefen Rissen in den Hornhäuten ihrer Füße (wer sein Leben lang barfuß den Acker umpflügt, der hat irgendwann Füße... eieiei) zu sehen, um den Hals einen professionellen Parent's Pass baumelnd. Doch die Kinder waren sehr glücklich, ihre Eltern mit etwas zu sehen, das sonst nur sehr wichtige Personen bekommen.
Vor dem Mittagessen gab es ein kleines Konzert der Kinder, dem die Eltern aber auch nur bedingt folgen können. Das muss man sich vor Augen halten, dass die Kinder der dritten Klasse sprachentechnisch und künstlerisch meist mehr draufhaben, als ihre Alten. Und nach dem Mittagessen mussten sich alle Eltern ohne Kinder in der Yogahall versammeln, beim wohl ersten Elternabend ihres Lebens. Alle auf dem Boden auf Chettais, Familienväter rechts, Mütter links.
Matthieu hielt eine Rede in Hindi und Rajeswari, unsere Hindilehrerin, übersetzte in Kannada. Von dem, was ich verstanden habe, war es eine sehr gelungene Rede, die den Eltern ein bisschen näher bringen sollte, was Musik und Bildung überhaupt für einen Sinn hat. Sie bekamen zu hören, wie Musik die Hirnseiten vernetzt und wie wichtig sie sei, um den eigenen Horizont zu erweitern. Denn das fehlt diesem Land noch stark, der Blick über den Tellerrand von Familie, Dorf und vielleicht Schule. Dann kam er zu den echten Märchengeschichten dieser Schule. Krishna Sutar, einer der ältesten, wurde bei einem Besuch eines landesweit bekannten Sängers eingeladen, im Grunde seine Jüngerschaft anzutreten und mit ihm in den Norden zu gehen, wo er eine Ausbildung kostenlos erhält, für die andere ein Vermögen hinblättern müssen. Vom Schafshirten aus Belgaum zum Meisterstudenten nach Dheli in die Landeshauptstadt.
Zweites Märchen war das der Schülerin Ansuja, die zwar nicht mehr in KSV wohnt (weil sie sich entschlossen hat, nicht Musik im College zu studieren) aber ihr Science-Studium noch von hier finanziert bekommt. Sie hat ausgezeichnete Noten und wenn alles glatt läuft und in ihrem Abitur 90% erreicht, fängt sie nächstes Jahr ihren Medizin Bachelor an.
Als Matthieu so sprach sah man manchen sichtlich gerührten Muttis an, wie ihnen gerade das Licht aufging, was ihre Kinder hier eigentlich machen.
Avinash hat schließlich noch zwei Elternreden sehr schlau eingefädelt, die jedoch auch sichtlich zu den wenigen Gebildeteren gehörten. Darin hat ein Vater den anderen Eltern eingeschärft hat, dass sie sich nicht immer danach erkundigen sollten, wie denn das Essen hier ist und ob sie auch genügend Schlaf bekämen, sondern auch einmal nach dem akademischen Fortschritt fragen sollten.
Matthieu führte noch einmal an, dass KSV nichts von ihnen haben wolle, kein Schulgeld, keine Schuluniformen, nichts, außer die Unterstützung und den Rückhalt der Eltern.
Dass das wichtig ist, war an dem sehr bedauerlichen Fall von Shridevi aus der zehnten Klasse zu sehen. Die Eltern verheirateten die siebzehnjärige in den Halbjahresferien im Oktober. Avinash hatte allerhand zu tun, dass sie wenigstens ihren 10ten-Klasse-Abschluss machte, denn die Eltern wollten sie eigentlich schon im Februar verheiraten. Ob dieser Abschluss da ist oder nicht, mein Gott, wer braucht denn schon so etwas, wenn man sein Leben lang in der Küche stehen wird und Chapattis macht. Und das ist das ernüchternde: Man reißt sich den Arsch auf und finanziert über Jahre hinweg die Ausbildung und den Musikunterricht, die Möglichkeit wäre da, sie ans College zu bringen und dann kommt der Clan und holt das Mädel zurück an den Herd, wo es hingehört. In irgendeine andere Familie eines Kerls, den sie noch nie gesehen hat und mit dem sie jetzt Kinder machen muss...
Es sind die Momente, wo einem wieder einfällt, was man hier eigentlich macht. Zwangsläufig werden diese Kinder einfach irgendwann zu ganz normalen Nervensägen, die man eben unterrichten muss. Aber dann kommen wieder die Momente, an denen man plötzlich versteht, wo die Veränderung einsetzen soll.