Mein Hood

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Donnerstag, 31. März 2011

Die indischen Todsünden

Wenn zwei Kulturen aufeinander treffen, dann ist der eine entsetzt, was hier alles veboten ist, der andere was beim einen alles erlaubt ist. Nach einer Zeit in Indien hat man sich schon des Öfteren mal an den Kopf gefasst, wie sich Menschen zu bestimmten Sachen verhalten können. Aber irgendwann und irgendwo findet man doch für alles immer seine Begründung (manchmal auch wirklich nicht).

Hier ein kleiner Kulturkatallog über Dinge, bei denen man sehr schnell mit dem kulturellen Todesblick gestraft werden kann:

Tabakkonsum

Über das Rauchen habe ich, meine ich, schon mal gesprochen. Die wichtigste Regel Indiens gilt auch fürs Rauchen: Der Mann darf alles, die Frau eher so weniger alles. Tabak wird hier auf drei Wege zu sich genommen. Erstens, Pan kauen. Da kann man eigentlich gar nichts falsch machen – zumindest aus indischer Perspektive. Da dürfen Frauen mitmachen, man kann es überall machen, das Einstiegsalter für Betelnüsse liegt auch recht niedrig. Aus europäischer Sicht jedoch ist das nur eklig: roter Rachenraum mit roten Zähnen, überall diese Herumrotzerei, 60 mio. Fälle von mouth cancer in Indien jährlich, die Leute können nicht mehr ordentlich miteinander reden, weil sie den Mund voll rotem Saft haben (letzteres findet sich jedoch auch in unserem Kulturkreis, bei Leuten, die ihren Drogenkonsum in Form des hochästethischen Snus-Lutschens ausleben müssen). Zweite Form des Tabakkonsums ist das Beedi-Rauchen: Ein Eukalyptusblatt gerollt, gefüllt mit Taback. Eine Packung mit 24 Stück kostet 8 Rs (12 ct.).

Die teurere Variante ist das echte Zigaretten Rauchen. Hier kostet eine Packung mit 20 Stück aber gleich 50 Rs. Da sich das die meisten Inder aber nicht leisten können, hat eine echte Zigarette hier mehr den Stand einer Zigarre bei uns – man kauft sich eine, wenn man sich einmal etwas gönnen möchte. Und mit einer meine ich auch eine Zigarette. Deswegen kann man am Kiosk auch oft nur eine halbe Schachtel kaufen, da die andere Hälfte schon einzeln verkauft wurde. Als ich für die weiblichen Süchtlinge einkaufen gehen müssen und 10 Packungen „Goldflakes“ am kleinen Busbahnhofskiosk bestellt habe, schaute der Kioskwala ganz verdutzt und rannte mit meinem 500 Rs- Schein in den nächst größeren Laden um dort für mich einzukaufen, weil er selbst gar nicht so viel hatte. Und für Beedis und Zigaretten gilt, nochmal, die Regel: Machst du das als Frau, bist du einen Prostituierte. An Holi hat Phillip zwei Deutsche Abituerientinnen mitgebracht, die gerade in Indien Urlaub machen. Ich hoffe schwer, dass diese zwei niemals auf meinen Blog stoßen, aber das muss an dieser Stelle gesagt sein: Wie man sich so anstellen kann, war uns allen ein Rätsel. Ihnen wurde einhundert Mal erläutert, dass sie nirgends im Zusammenhang mit der Schule rauchen dürfen, da ja schließlich niemand will, dass damit assoziiert wird, die Kinder aus dem Dorf würden von ausländischen Schlampen unterrichtet. Nein, sie wollen sich aber jetzt Zigaretten im Dorf kaufen, ob ein Junge mitkommt oder nicht, das sei ihnen egal. Diese Menschen müsse man doch endlich mal ein bisschen emanzipatorisch aufklären... Ich bin hier wirklich zum Feministen geworden aber wo der Gedanke von Emanzipation und Gleichstellung überhaupt nicht existiert, da muss man eben sehr behutsam voran gehen. Und nicht als europäischer Trampel mit Scheuklappen durch uralte indische Sitten zu pflügen. Da fährt man besser zum Kiffen nach Goa und bleibt da, bis der Flieger geht.

Alkohol

Alkohol ist hier so unverhältnismäßig teuer, dass man sich fragt, wie Indien ein Alkoholproblem haben kann. Aber es existiert. Und das kriegt man mehr als einmal zu hören, wenn man sich mit den Kindern über ihre Eltern unterhält. Sehr viele von denen sind nämlich hier, weil ihre Mütter arbeiten gehen müssen, da der Vater überhaupt kein Geld mehr nach Hause bringt. Oder er lässt das, was er verdient, direkt im nächsten Liquor Shop. Auch unsere neue Hostel-Mama für die kleinen Mädchen, die hier jetzt arbeitet und einen echt liebevollen Job macht, ist nur hier, weil ihr Mann alles versäuft und die Kinder zwischenzeitlich von der Oma aufgezogen werden. Und das, wie gesagt, bei horrenden Preisen (zumindest von Bier): eine Halbe „Kingfisher strong“ kostet in Karnataka 1,30€ (das einzige wirklich indische Bier, was ich bisher hier gesehen habe; ich will nicht wissen, wer dafür geschmiert werden musste, dass es bei 1,2 Mrd. Menschen eine einzige einheimische Biersorte gibt).

Wenn man das in Öttinger umrechnet, kriegt man immer ein bisschen Heimweh. Matthieu meinte, die Preise für Zigaretten und Alkohol sei deswegen so hoch, da das die einzig verlässliche Methode für den Staat sei, an Steuern zu kommen. Denn für die Einkommenssteuer wird einfach der Steuerfahnder geschmiert, der den Behördenchef schmieren muss, welcher wieder den Politiker schmieren muss, der ihm den Job als Behördenchef verschafft hat. Auch für Alkohol gilt im Übrigen die einfache Formel: Frau + Alkohol = Schlampe, die nichts dagegen hat, angefasst zu werden.

Karten und Wetten

Beides ist in Indien verboten, was ziemlich lächerlich klingen mag. Als wir im „Infosys“, dem Campus des Softwaregiganten aus Bangalore waren, haben wir dort in der Mensa alle möglichen Kartenspiele durchprobiert. Plötzlich kam einer der Aufseher, nahm uns die Karten aus der Hand. Entweder wir hörten sofort damit auf, oder er müsse uns hinauswerfen. Er hätte sicherlich auch bei Didl- UNO Karten keine Untschied gemacht. Warum das so ist, habe ich in Hampi erfahren, wo Trauben von dreißig Indern um ein Kartenspiel auf der Straße herumstehen und die Hunderterscheine auf den Boden werfen

Dass Inder schnell ein Hang zum Exzess entwickeln, scheint auch beim Wetten der Fall zu sein. Ich wollte mit einem Lehrer wetten, dass Pakistan Indien bei der Cricket-WM im Halbfinale schlägt. Als ich das Yeshwand erzählt habe, war dieser ganz entsetzt, da ich das nicht in meiner Vorbildfunktion als Leher machen könne. Es sei verboten da Inder sehr schnell ihre Häuser verwetten und damit ihre Familie in die Obdachlosigkeit stürzen. Und diesen Wert wolle ich doch nicht den Schülern lehren… Habe es natürlich doch gemacht und 300 Rs verloren. Verdammter Schrottsport! Sowas langweiliges…

Kleidung

Kleidung ist keineswegs verboten, man kann aber vieles Verbotenes machen. Oberstes Gebot auch hier: Mann darf alles, Frau muss ganz genau aufpassen. Der Mann hat nur einige Solls. Zum einen gibt es da die lange Hose. Eine Respektsperson bei der Arbeit trägt eine lange Hose. Und seien es 45 Grad, man läuft bei der Arbeit nicht mit kurzer Hose herum. Zuhause darf man dann in Shorts oder im Lungi, dem indischen Männerrock, herumlaufen. Das war einer der Punkte, wo ich noch lange angeeckt bin. Zum einen, da mein Zuhause ja gleichzeitig mein Arbeitsplatz ist. Und zum Anderen, da ich es einfach sau blöd fand, im Sommer in langen Hosen herum zu laufen. Genauso verhält es sich mit Stilarten: Ein H&M T-Shirt im Used Look mit weitem V-Ausschnitt muss nicht unbedingt in Indien gerade cool sein. Und das bekommt man schnell in stichelnden Nebensätzen der Kinder zu hören. Am Anfang dachte ich mir dabei: Ja, wenn die Inder halt keinen Geschmack haben, dann muss das ja nicht für mich gelten. Die Einsicht, dass unsere Kleidungsart keinen normativen Wert besitzt, ließ sehr lange auf sich warten (irgendwann fängt man sogar an, die verschiedenen Schnurrbartstile positiv zu analysieren).
Für Frauen stellt sich das Problem verschiedener „westlicher“ Stilarten gar nicht, denn westliche Klamotten sind für die ohnehin tabu. Einfache Regel: Keine Rundungen. Zu diesem Zweck muss eine Frau immer in Schlabberhosen herumlaufen, die Knöchel bedeckend und den Hintern kaschierend. Das wichtigste Kleidungsstück ist aber die Dupata, eine Art Schal der über der Brust hängen soll um auch wirklich alles unkentlich zu machen.

Total unpraktisch, weil man das Ding alle 20 Sekunden wieder nach oben schieben muss (der Sari hat diesen Brüsteblocker schon mit eingebaut). Das mag auch wieder übertrieben klingen aber hat natürlich irgendwo wieder seinen Sinn. Es ist in gewisser Weise auch ein Selbstschutz, der der kulturell bedingten Notgeilheit der indischen Männerseite irgendwie versucht Herr zu werden.

Mittwoch, 23. März 2011

Holi, das Farbenfest

Letzten Samstag durften wir das nach Ganapati das zweite Highlight des indischen Festtagkalenders miterleben – Holi. Was genau dahinter steckt, konnte wieder niemand so genau erklären, weshalb hier die Wikipedia-Erklärung kommt: Holika sollte auf Befehl ihres Vaters ihren Bruder umbringen, der sich weigerte, seinen Vater als Gott zu verehren. Holika hatte die Fähigkeit, nicht verbrennen zu können und so sprang sie mit ihrem Bruder ins Feuer. Jedoch verbrannte an dieser Stelle die böse Holika und ihr Bruder blieb unversehrt. Was das allerdings mit den Farben zu tun hat, verstehe ich trotzdem nicht so ganz.

Aber zunächst zum größten Problem, das mit Holi und anderen Feirtagen verbunden ist. Viele Inder haben ja (hatte ich glaube ich irgendwo schon mal erwähnt), einen etwas unkontrollierten Hang zur Flasche. Dieser tritt ganz besonders an den großen Festtagen zu Tage, die der Inder als Aufforderung zu Massenbesäufnissen nimmt. Wenn dann also in Dharwad die Straßen voll sind mit Menschen ohne Selbstkontrolle, dann muss das zwar nicht für einen Inder unangenehm sein, doch als weißer Mann hält man sich dort lieber raus. Von Frauen rede ich hier gar nicht, denn selbst eine indische Frau schließt sich am besten gleich zu Hause ein.


Das ist auch der Grund, warum die Kinder an Holi auch nicht mehr in der Schule bleibt, sondern in den Wald gehen. Holi vor drei Jahren sah nämlich so aus, dass so mancher Kerl aus Kalkeri betrunken in die Schule kam, um mit den Volunteersmädchen mal ordentlich Holi zu „spielen“: Bei diesem Spiel wurde die Brustregion besonders intensiv eingefärbt. Wer weg rannte und sich im Zimmer verschanzen wollte, bekam die Farbe dann durch das Fenster hinterhergeworfen. Es müssen unschöne Szenen gewesen sein.


Somit machten sich alle Kinder dann auf den zwanzig minütigen Weg zur nächsten Wiese. Dort wurden alle Farben herausgeholt – es gab gelb, violett, blau und grün – und die Schlacht konnte beginnen. Zu Holi kamen uns drei ICDEler (Hanna, Georg und Phillip aus Mysore) besuchen. Georg und Phillip hatten die geniale Idee, sich ein indisches Politikerdress zu kaufen (lange weiße Kurta mit weißer Hose) und so hat jeder mit seinen schäbigen Wegwerfklamotten gegen die drei stilvollen (oder auch maßlos dekadenten) Deutschen abstinken müssen.




Hier der Vorher-Nachher-Vergleich.




Nach einer guten Stunde waren die zwanzig Kilo Farbe schließlich verballert und gewonnen hatte, wer sich am meisten eingesaut hatte. Am Ende wurden die Trommel heruasgeholt und die älterein Schüler verhalfen der Waldlichtung zum ganz eigenen Privatclub – die ganz nebensächlichen Vorteile einer Musikschule.



Spannend wurde es nochmal, als es daran ging, die Farbe von der verschwitzten Haut wieder ab zu bekommen. Dafür sind wir mit ein paar von den älteren Schülern zum Honapurlake gelatscht – etwa 40 min Fußweg von der der Schule aus – und wollten uns dort sauber baden. Doch nicht einmal eine Stunde Schwimmen mit Seife und Bürste hat das Zeug aus Haaren, Kopfhaut und allen anderen Körperteilen wegbekommen. Bis jetzt – fünf Tage später – habe ich immer noch einen roten Bauch.




Auf jedem Bild hat Chetan immer etwas in der Hand, das einfach super in Verbindung mit seinen Segelohren aussieht.






Die englische kühlere Variante von Holi.



Es gibt einfach Kinder... was soll man da noch sagen ;D



Ruksanna, meine Top-Schülerin in der Neunten (gibt aber auch nur ein Mädchen), rüstet sich zum Kampf.



Es gibt neue Bilder auf


http://picasaweb.google.com/fabian.hafner/Indien1008209#


Donnerstag, 17. März 2011

Auftreten auf Indisch

Am letzten Sonntag durfte ich mich schließlich auch in die Reihe der großen Musik- Pandits und Ustads einreihen: Mit einem sagenhaften Debue vor 600 Zuschauern hat sich Mohasin Khan and Friends die Herzen der indische Konzertgängerschaft erspielt.
Es begann mit vollkommen nervigen Proben mit dem Sohn meines Sitarlehrers. Dieser ist ein äußerst begabter Musiker, der einen Sitar-Wettbewerb nach dem anderen abräumt, jedoch auch ein sehr anstrengender Kerl, weil er sehr genau weiß, wie gut er ist. (Ein Glück, dass die Inder kein Deutsch können…). Jedenfalls musste ich ihm zuerst einmal erklären, dass ich noch nie in meinem Leben improvisiert habe und wir alles ganz langsam, Stück für Stück, durchgehen und alles aufschreiben müssen. Das hat äußerst lange gedauert und ich fühlte mich in mein erstes Unterrichtsjahr zurückversetzt. Dauernd wurden Absprachen bezüglich der Proben nicht eingehalten, er hat mich nicht zurückgerufen – Proben auf indisch eben.
Am schwersten fiel mir das Einhören in die indischen Tals. Der Tala ist der Rhythmus, von der Tabla gespielt und funktioniert folgendermaßen: Wie es verschiedene Rags gibt (das sind soetwas wie Tonarten) gibt es auch verschiedene Rhythmusstrukturen. Der Tal „Tintal“ zum Beispiel, enthält 16 Schläge, wobei die in vier „Takte“ aufgeteilt werden. Nun kann man aber nicht so schön mit dem Fuß mitklopfen wie bei unseren 4/4 Takten, da manche Takte und Schläte überhaupt nicht betont werden. Daraus wird dann ein Mix aus Offbeats, Achteln und Vierteln, die von Vornherein in der Rhythmusart schon vorgegeben sind. Das ganze scheint einem Inder schon so in Fleisch und Blut übergegangen sein, dass das gar nicht erklärenswert scheint und somit musste ging es noch langsamer.
Nach vier Proben hatte ich dann etwa 4 Seiten notiert und alle Musiker trafen sich am Samstag Abend bei den Khans im Haus: Sitar, Flöte (ein Flötenlehrer aus Hampi), Tabla (ein Musikstudent), ein elektronisches Schlagzeug und eine Sängerin aus Dharwad. Hier musste ich dann feststellen, wie viel Zeit sowas eigentlich brauchen sollte, so einen Chorus drauf zu kriegen: Beim Flötenlehrer hat es ca. 30 Minuten gedauert bis alles klar war. Es wurde bis um neun Uhr abends geprobt und ich sollte am nächsten Tag wieder früh um 9 Uhr da sein. Kein Minute später, denn der Santurspieler (die indische Hackbrettversion) komme schon um sieben und dann würde sofort zum Proben angefangen. Natürlich nimmt man sich so eine Aussage als Deutscher zu Herzen und so habe ich mir sogar vom Busbahnhof ein Rickshaw genommen um um 8:58 Uhr vor der Haustür zu stehen. Auf dem Weg die Liste der vergessenen Dinge gemacht: ordentliche Schuhe (ich lebe seit einem halben Jahr in den selben blauen Badelatschen für 1,20€), meine Konzertkurta und einen aufgeladenen Akku für meinen Foto. Angekommen durfte ich dann feststellen, dass pünktlich 9 Uhr eben doch nicht 9 Uhr ist. Alle sprangen noch im Schlafanzug herum, die einen mussten sich erst waschen, die andern noch frühstücken ect. Typisches mit-den-Augen-Rollen eines Deutschen als ich die Szene des Musiker-sleepovers beäugte.
Der Santurspieler traf dann um 11 Uhr ein – ein Musiker aus Mangalore – und er hatte es einfach noch schneller raus als der Flötist, was mich total deprimierte – es waren so ungefähr 10 Minuten. Eine kurze Generalprobe und alle ab ins Taxi nach Dandeli– mein Sitarlehrer war auch dabei. Nur wegen mir, meinte er, was ich aber nicht so ganz glaubte.
In Dandeli kamen wir in einer Papierfabrik an, wo in der örtlichen Konzerthalle die Ehrung von 5 Leuten aus Karnattaka stattfand, die hier einen Life Time Achievment Award ausgehändigt bekommen sollten. Nach einem Caterer Buffet wurden Instrumente gestimmt, Sound gecheckt und mir wurde erklärt, wo ich sitzen sollte. Da wurde mir auch langsam klar, was die größte Leistung dieses Abends sein würde: Eine Stunde ohne Positionswechsel im Schneidersitz zu sitzen.
Ein merklicher Unterschied zwischen indischen und europäischen Konzerten ist, dass in Indien die Show anfängt, bevor das Publikum da ist. Denn da kein Konzertgänger pünktlich sein kann, ist es ein ständiges Eindröppeln der Zuschauer (weswegen große Künstler immer am Ende spielen, wenn der Saal dann brechend voll ist). Aber nach etwa zehn Minuten war die Halle mit sicherlich 600 Leuten gut gefüllt.
Während unserer Performance stellte sich dann heraus, dass für die gemeinsamen Stücke die Spielverteilung etwas ungerecht war. Als wir alleine geprobt hatten, hatten alle auf ihren Improvisationsteil verzichtet (den ich nicht hatte, weil ich es einfach nicht drauf habe) und so haben wir alle nur den Chorus geprobt. Jetzt versuche man aber mal 10 Minuten lang, während sich die anderen totimprovisieren, wichtig auszusehen. Da kommt man sich ziemlich blöd vor. Wichtig dabei ist das „kya bad hey“ (sowas wie „wow, what to say“) immer wieder nach abgeschlossenen Soli einzuwerfen um allen zu zeigen, dass das wirklich super war, was der Kollege gespielt hat.
Am Ende (also als letzter, also als der Saar brechend voll war) durfte ich mit Drumpad fünf Minuten allein improvisieren, was dann natürlich alles rausgerissen hat. Der Saal hat gekocht… mehr oder weniger. Vielleicht auch, weil es so heiß war.
Als Dankeschön hat jeder dann ein wunderschönes Holzbrett bekommen, mit einem Muster aus verschiedenen Holzarten hineingeschnitzt. Wir hatten noch auf dem Rückweg überlegt, ob wir es gegen eine Wassermelone eintauschen sollen aber jetzt taugt es als Rückenlehne im Volunteershaus.

Mittwoch, 9. März 2011

Wie es ist, ein Lehrer zu sein

Es ist ja eigentlich schon eine witzige Sache: Drei Monate, nachdem man selbst hinter der Schulbank für die als unsinnig erachteten Hausaufgaben verantworten musste, muss man nun selbst Kindern erklärt, was Zucht und Ordnung bedeutet.
Auf gewisse Weise ist das Lehrersein natürlich weitaus unentspannter als das Schülersein. Man muss immer vorbereitet sein, man muss als erwachsenes Vorbild agieren und kann nicht mehr jeden Schmarn mitmachen. Ich sage immer „Shit“ in meiner neunten Klasse, das sollte ich mir abgewöhnen. Da schauen sie mich immer ganz entsetzt an. Zumal Fäkalausdrücke in Indien noch weitaus schwerwiegender sind als bei uns, denn der Inder hat wieder eine sehr besondere Beziehung dazu: Auf der einen Seite wischt er sich mit der Hand den Hintern ab, auf der anderen stieß das Kastensystem für Jahrhunderte alle Menschen, die beruflich mit Fäkalien in Berührung standen, regelrecht aus der Gesellschaft aus.
Der Sprung vom Regelbefolger zum Regelgeber verlief allgemein ziemlich schnell. Letzte Woche musste ich wohl aber übel eine Gruppe Jungs verpfeifen, die in der Nacht den Fernsehkasten aufgebrochen haben und sich heimlichen einen gemeinschaftlichen Sleepover mit Film genehmigt hatten. Blöder Weise musste ich da aber um halb eins dran vorbei laufen, als ich aus dem Office noch meinen Laptop holen wollte. Darauf wurde der gesamten Schule der sonntägliche Movie gestrichen, bis sich ein Freiwilliger für die Aktion findet, der gesteht. Juhu, Beliebtheit Ade!
Jedoch zurück zum Unterrichten: Man staunt immer wieder, wie unglaublich geschmiert manche Schulstunden verlaufen, wie eloquent man einen Störer in die Schranken verweist, ihn dabei vor der ganzen Klasse bloßstellt, den Lacher auf seiner Seite hat und damit auf voller Linie abkassiert. Nein, ich verhalte mich schon so fair wie möglich. Wie gut und schnell manche der Kinder voran kommen, zur Streberriege aufholen und wie manch stiller Schüler (meist sind es die Mädchen, die nicht den Mund aufkriegen) aufblüht und auch kräftig mit reinschreit, ohne sich zu melden.
Auf der anderen Seite staunt man aber genauso, wie furchtbar schlecht manche Stunde verlaufen kann. Stunden, die irgendwie vergessen wurden, vorzubereiten oder wo das Thema einfach von sich aus so langweilig ist, dass man dabei selbst einschläft. Oder, wo einfach keiner Bock hat: Der eine ließt in seinem Comic, der andere bohrt in der Nase und schaut aus dem Fenster und die drei Mädchen in der Ecke lausen sich gegenseitig und sind dabei lautstark in irgendein Thema auf Kannad vertieft. Chetan schaut dich interessiert mit seinen Segelohren an, wobei dir das total egal ist, weil du weißt, dass er sowieso kein Wort versteht, von dem was man sagt. Und Shabeer pfurzt so eklig um sich, dass sich keiner mehr konzentrieren kann. Dann lässt du den einen aufstehen und Kniebeugen machen, der andere kommt mit ausgesterckten Händen an die Wand. Der nächste wird mit der Bestrafung von 5 Seiten "I follow my teacher" ruhig gestellt. Und die Mädchenriege am Ende des Klassenzimmer muss den Abend mit Tellerwaschen der Klassen 1-4 bestreiten. Da werden die 45 Minuten zur Hölle und man kommt ernüchtert ins Volunteers-Hauptquartier zurück. Worst Case ist allerdings die Stunde direkt nach dem Mittagessen – und wenn ich direkt sage, dann heißt das wirklich 5 Minuten Zeit zur Verdauung. In diesen Stunden sitze ich die ersten 10 Minuten auf der Chettai und schaue untätig dem Treiben in der Klasse zu.
Etwas betrübt muss ich das Niveau in meiner Neunten betrachten.
Ich bitte um Rückmeldung, wenn sich jemand zutraut, dass er dieses Gedicht in der neunten Klasse verstanden hat:

When in disgrace with fortune and men's eyes,
I all alone beweep my outcast state,
And trouble deaf Heaven with my bootless cries,
And look upon myself, and curse my fate,
Wishing me like to one more rich in hope,
Featur'd like him, like him with friends possess'd,
Desiring this man's art, and that man's scope,
With what I most enjoy contented least:
Yet in these thoughts myself almost despising,
Haply I think on thee,--and then my state
(Like to the lark at break of day arising
From sullen earth) sings hymns at heaven's gate;
For thy sweet love remember'd such wealth brings
That then I scorn to change my state with kings'.

Für diesen Shakespeare musste ich selbst etwa eine Stunde mit Wörterbuch in meinem Kämmerlein schwitzen. Das erkläre aber nun mal ein paar Neuntklässlern, wobei Mantesh, meine linguale Speerspitze sich üblicherweise so verständigt: „Fabian, me one plate give – kitchen want“.
Nun muss man an dieser Stelle ein wenig weiter über das indische Schulsystem ausholen. Unsere Kinder sprechen nämlich im Vergleich zu den anderen Dorfkindern, die auch den Shakespeare lesen sollen, ein hervorragendes Englisch. Ein Jugendlicher in Kalkeri bekommt meist gerade so zusammen, wie man nach dem Namen fragt und wie man sich erkundigt wo es denn hingehen soll. Ansrpuch und Realität gehen hier soweit auseinander, dass man total verzweifeln möchte. Denn am Ende des Jahres steht eine Prüfung, in der gefragt wird: Was sagt Mr. Rao in Zeile 34 zu seinem Sohn? Das heißt, dass die Geschichten und Gedichte nicht nur verstanden, sondern zudem noch auswendig gelernt werden müssen. Was passiert also, wenn nicht einmal die Englischlehrer in den Dorfschulen den Stoff verstehen? Sie drängen die Schüler dazu, wild zu spicken und geben ihnen die Lösungen vor. Sogar im großen zehnte-Klasse Abschluss. Da KSV aber etwas seriöser sein will, kommen nun bei den Prüfungen teilweise katastrophale Ergebnisse zusammen.
Die Examen sind in drei Wochen, dann werde ich das volle Ausmaß meiner nicht erbrachten Lehrleistung zu spüren bekommen.