Mein Hood

Mein Hood

Freitag, 25. Februar 2011

Was bisher geschah

Mir fällt für diese Woche nichts spezielles ein, weswegen es wieder einen „Was bisher geschah“- Eintrag gibt.

Avinashs Cousin Deepack wurde zusammen mit einer ihm unbekannten Frau feierlich in die Unfreiheit entlassen. Das geschah an seiner Hochzeit letzte Woche. Im Vorfeld wurde von den geladenen Lehrern Geld für ein gemeinschaftliches Geschenk gesammelt, womit drei Kochtöpfe gekauft wurden, worüber sich Deepack sicherlich wie ein Schneekönig gefreut hat.

Die Hochzeit bot einiges, jedoch war man eher enttäuscht, hatte man durch diverse Indienfilme doch eher das Bild einer einzigen Megaparty im Kopf. Die Patil-Familie ist jedoch schwer konservativ und so bestand das zweitägige Fest eigentlich nur aus Essen und einer unendlichen Zeremonie. Der Bräutigam war dreißig, die Braut war 18 und gesehen haben sie sich vorher kaum. Höhepunkte der Zeremonie waren das gegenseite Einschmieren der zu verheirantenden mit einer gelben Paste und das anschließende Wettwaschen zwischen der Familie des Bräutigams und der der Braut. Das Paar musste sich außerhalb der riesigen Feierhalle (die nur für Hochzeiten gebaut wurde) auf zwei Holzplanken setzen und wurden um halb drei Uhr nachts im engen Kreis der Familie mit Wasser übergossen und sauber geschrubbelt. Außen herum spannten die vier ältesten unverwittweten Frauen der Familien ein Quadrat mit einer kleinen Schnur, die Ecken duch einen kleinen Wasserpot mit Kokusnuss darin gesteckt. Der Pot mit Kokusnuss stellt immer die Göttin Laxmi dar, die Geld-Göttin.

Der Wettbewerb war jedoch vollkommen unfair, da der Mann nur Lungi (Handtuchrock) und Hemd wechseln musste, die Frau ihren kompletten Sari. Somit hat natürlich auch Deepack gewonnen und durfte eine supersexy Krone aufsetzen, die die Frau erst am nächsten Tag tragen durfte.

Was auch noch ziemlich unfair war, war die endgültige Zeremonie am nächsten Tag. Die Frau bekommt feierlich eine Halskette als Zeichen ihres geleisteten Gelöbnisses (außerdem später noch einen Fingerring und zwei Zehringe, damit es auch wirklich jeder kapiert, dass diese Frau nicht mehr zu haben ist). Der Mann kriegt… nichts. Ich will hier ja gar nichts unterstellen aber für uns sah das schon so ein bisschen nach der kulturell begründeten Erlaubnis aus, dass der Mann seinem zugewiesenen Sexualpartner mal entfliehen darf.

Weiteres Highlight dieser Woche: Es regnet. Der Klimawandel erhält endgültig Einzug in den indischen Wetterzyklus. Seit circa November gab es keinen einzigen Tropfen mehr und es ist ein eigenartiges Gefühl, wieder Wolken am Himmel zu sehen. Für uns ist das spitze, ein wenig Abwechslung in den staubigen Alltag zu bekommen. Aber für die Trockenzeit ist es extrem ungewöhnlich und ist ein weiteres Zeichen, wie stark sich die Monsunrhytmik verschiebt (früher konnte man den Tag vorhersagen, wann der Monsun einsetzt; die letzten Jahre konnte man sich nicht einmal mehr auf den Monat verlassen).

Frederick hat beim Kondolenzbesuch unserer Hindilehrerin, deren Vater im Alter von 50 unerwartet an einem Herzinfarkt verstorben ist, die Pickels aufgegessen. Pickels sind eine Gewürzbeilage, die man nicht isst, sondern nur dippt. Das führte zu einer wunderbaren Erheiterung der Trauergemeinschaft.

Desweiteren: Unser Internet ist kaputt und unser einziger Tisch in unserer Hütte war kaputt. Bei letzterem hat sich ein Elektriker draufgestellt, um eine Glühbirne auszutauschen. Es fällt auf, dass bei indischen Handwerksbesuchen meist hinterher mehr kaputt ist, als zuvor.

Freitag, 18. Februar 2011

On property

18.02.11

Ich werde jetzt immer meine Titel englisch benennen, das klingt einfach viel internationaler.

Bei uns ist das Verhältnis von Dingen und ihrem Besitzer ziemlich deutlich. Gehört etwas mir, darf mir das keiner ohne Erlaubnis entwenden, es sei denn, er weiß, dass er es darf oder ich habe es ihm erlaubt. Wenn ich mein Pausenbrot in der Schule auspacke, dann ist es ganz selbstverständlich mein Recht, dieses Brot alleine zu essen. Ich kann zwar etwas abgeben, aber das ist meine Entscheidung und es zwingt mich keine kulturelle Norm dazu.
In Indien ist das anders. Hier scheint zu gelten: Alles gehört allen. Die sogenannte Sharing Mentality. Wenn ein Kind einen Strauch Bananen von ihrem Vater, der Bananenfarmer ist, geschenkt bekommt, muss das arme Kind eine Banane nach der anderen abdrücken. Wenn einer mit einer Tüte Chumari (indische Nudelchips) von seinen Eltern gebracht bekommt, dann wird das brav unter allen im Klassenraum verteilt. Nicht nur für die guten Freunde, sondern auch für die, die man nicht leiden kann. Neulich kam die Mutter von Ravikumar, einem Kind mit einem unglaublich großen Kopf, mit einer Geburtstagstorte in die Schule. An dieser Stelle sei gesagt, dass die indische Gebäck- und Kuchenkultur mit der unsrigen in keinster Weise vergleichbar ist. Es sieht zwar immer aus wie ein guter Kuchen, weil er außenrum so schön kitschig-bunt verziert ist, schmeckt aber immer gleich und nicht sonderlich gut. Für Pralinen haben die Inder aber ein recht gutes Substitut gefunden. Alle Pedhas (Süßigkeiten) werden hier aus einer Art Rohteigmasse/Marzipan gemacht.
Jedenfalls, anstatt die besagte Geburtstagstorte mit seinen besten Freunden zu teilen, oder gar alleine zu essen (wie ich es gemacht hätte), wurde die Glocke geläutet und die ganze Schule hat sich angestellt, um ein daumengroßes Stück Kuchen entgegenzunehmen. Ich finde das total bewundernswert, denn meine Art von Teilen (wenn es Essen angeht) besteht meist darin, den Teil, den ich nicht mehr schaffe, großzügig den anderen zu überlassen.
Interessant ist auch der Besitz von Wasser. Wasser wird hier als so essentiell erachtet, dass es dafür keinen richtigen Besitzer gibt. Verweigere niemals einem Inder einen Schluck Wasser aus deiner Flasche! Es kann passieren, dass man sich eine Flasche Wasser kauft (kostet hier ca. 25 Cent) und man im Bus von drei Leuten im Bus mit „Pani chaie“ (wörtlich: water is needed) angeredet wird. Da kommt man sich schon ein bisschen blöd vor, dass die Flasche plötzlich nur noch halb so voll ist wie davor. Jedoch steht dir selbst genau das gleiche Recht zu, nach Wasser zu fragen. Auch kann man einfach in der Stadt an einen Essensstand gehen und den obligatorisch immer bereitstehenden Wasserkrug wortlos leertrinken. Ein „dürfte ich freundlicherweise einen Schluck nehmen“ ist vollkommen überflüssig .
Schön zu beobachten ist das auch beim Pankauen. Die Dinge, die man für einen Panshot braucht sind: Tabak, klein verrieben in der Hand, ein Panblatt, Betelnüsse und eine Art Kalkmasse. Die Kalkmasse ist glaube ich dazu da, die Zähne danach wieder vom Rot des Panblattes auszubleichen. Nun sitzen 20 Pankauer im Bus und dem einen fehlt das Blatt, der andere hat gerade keinen Tabak, der dritte braucht das Tuna (Kalkmasse). So gehen ständig alle Utensilien im Bus herum, keine Frage, ob mir mein Nachbar bekannt ist oder nicht. Und wieder kein „Entschuldigung, dürfte ich liebenswerter Weise einen Klecks Ihres Tunas haben“ sondern mehr ein Stoß mit dem Ellenbogen und „Hm!“ mit Verweis auf die Tunapackung des Gegenübers.
Überhaupt drückt der Inder Dankbarkeit und Höflichkeit kaum durch eine höhere Anzahl von Worten aus. Es gibt zwar Übersetzungen für „Please“, oder „Thank you“, die werden aber nur sehr selten gebraucht. Zum einen gibt es diese Respektsformen, zum Beispiel beim Imperativ:„Jana“ heißt im Infinitiv „gehen“. Kann aber auch sehr rüde „geh“ heißen. Mit steigendem Grad an Höflichkeit wird daraus: jao, jaie und jaiega – es würde mir außerordentliche Freude bereite, wenn Sie, verehrte(r) Herr/Dame, sich zum Gehen ermuntert fühlten. Zum anderen wird aber sehr oft Dankbarkeit über Mimik oder Gestik geregelt, was es für einen Nichtinder sehr schwierig macht, nicht unhöflich aufzufallen.
Zurück zum Eigentum. Die Sharing Mentality geht sogar so weit, dass hier Kinder geteilt werden. Kamlaji, unsere Köchin, die auch in der Schule wohnt, hat vier Töchter aber eigentlich fünf. Nur vier deshalb, weil sie eins ihrer Schwester gegeben hat, die keine Kinder bekommen konnte.
Am deutlichsten kann man das Verhältnis von Besitzer und Eigentum daran festmachen, wenn man sich anschaut, wie Diebstahl behandelt wird. Kürzlich ist Reka, der Frau unseres General Managers, ein Fahrrad gestohlen worden. Jemand aus Kalkeri ist in der Nacht zur Schule gekommen und nahm das (unabgeschlossene) Fahrrad einfach mit. Am nächsten Tag kam ein mit unseren Schulkindern befreundeter Kerl in die Schule und verriet, dass das Fahrrad in Kalkeri sei. Also ist Reka nach Kalkeri gegangen, bat um das Fahrrad und hat es auch wiederbekommen. Aber auf die Idee, zur Polizei zu gehen und einen Diebstahl zu melden, ist niemand gekommen.
So blöd das klingt, aber hier scheint die Schuld bei demjenigen zu liegen, der das Fahrrad nicht ordentlich angeschlossen hat. Wenn ich in Dharwad ein Motorrad abstelle, es nicht abschließe und es geklaut wird, dann bin ich nicht nur schuld, weil ich so blöd war, sondern scheine dadurch meinen Anspruch auf Eigentum verwirkt zu haben. Auch wird man zum Beispiel in Indien niemals ein Haus finden (wenn es nicht gerade aus Bambus und Kuhdung besteht), das unvergitterte Fenster besitzt. Es scheint hier nach der Devise zu gehen: „Wenn ich mein Eigentum nicht ordentlich sichere, steht es mir auch nicht zu.“

Donnerstag, 10. Februar 2011

Auf einen Tee beim Dalai Lama


„Was der Dalai Lama kommt? Wer ist der Dalai Lama?“, meinten meine Neuntklässler, als ich stolz verkündet habe, dass ich am Samstag His Holiness besuchen werde. Ja, ich fand es schon besonders, auch wenn kaum einer der Schüler oder auch Angestellten (die Lehrer, weiß ich nicht) von ihm je gehört hatten.

Wir fuhren zu siebt ins drei Stunden entfernte Mundgod, eine tibetische Exilgemeinde, in der derzeit um die 8000 tibetische Mönche leben. Hier residierte der Dalai Lama für eine Woche, gab Unterricht und hielt diverse buddhistische Pujas ab. Schon die Ankunft dort war besonders: Natürlich waren alle Hotels und Pensionen in diesem eigentlich vollkommen untouristischen Ort restlos ausgebucht und somit standen wir abends um halb zehn im langsam aussterbenden Stadtzentrum von Mudgod. Wir fragten übriggebliebene Omlettbruzler, ob vielleicht bei ihnen zuhause noch ein Dach frei wäre, wo man seinen Schlafsack ausrollen könne, aber keiner wollte sich drauf einlassen. Wohl, weil wir mit einer Gruppe von sieben Ausländern auch nicht besonders vertrauenserregend wirkten. Wir fühlten uns ein bisschen wie die buddhistische Variante von Josef und Maria, die zur Ankunft seiner Heiligkeit keine Herberbe mehr finden kann. Arianne entdeckte jedoch schließlich irgendein Schild, worauf etwas von Sisters of Charity geschrieben stand, und da dachten wir: Ha, die können uns ja gar nicht ablehnen. So fanden wir uns drei Minuten später vor einem kleinen Krankenhaus wieder, eine Madonna hinter dem Tor groß beleuchtet. Wir seien von weit hergekommen und alle müde und jetzt ist es schon so spät und wir hätten auch nichts zum Schlafen ect. und zack, hatten wir zwei leere Krankhauszimmer mit Bad (so sauber, wie ich noch keins in Indien gesehen habe) und Ventilator; Jungs und Mädchen wurden natürlich sofor t getrennt, da gab es überhaupt keine Diskussion. Das hatte die Oberschwester gleich klar gemacht. Aber freundlich waren da alle, das war der Wahnsinn.

Tags drauf standen wi r um sechs auf der Matte, damit wir die Spiritualität dieses Ortes möglichst lange auf uns wirken lassen könnten, so die anderen Volunteers. Bei mir hat aber um diese Uhrzeit überhaupt nichts gewirkt. Wir nahmen ein mäßig gutes Sirah zu uns, eine Art süßer Couscous, und begaben uns mit dem Rickshaw ins 10 Minuten entfernte tibetische Camp.

Es war ein eigenartiges Gefühl, plötzlich unter lauter roten Roben umherzulaufen und tausenden von schlitzäugigen Tibetern, die sich alle für dieses Event absolut schick herausgeputzt hatten. Die Nicht-Mönche hatten ihre traditionellen tibetischen Gewänder an, einen Verschnitt aus Sari und Kimono (der viel schöner sind als die südindische Tracht). Nach Angaben waren dort 10000 Mönche und sicherlich nochmal soviel tibetisches Besuchervolk.

Wir schafften es, in den inneren Teil des Tempel zu gelangen, auch wenn wir nur Plätze ganz hinten bekamen. Von dort konnten His Holiness jedoch wunderbar sehen. Dann ging es los: der Dalai Lama kam einmarschiert, einen Haufen weiterer Obertibeter im Schlepptau. Einige von ihnen spielten mein Lieblingsinstrument, die Shenai (die nervige indische Oboe, wer sich erinnert). Als das Gequacke verstummte, setzte ein unglaubliches Gröhlen ein. Die Mönche, die vorne am Altar saßen, brummten ins Mikro.

Der Samstag dehnte sich dann schließlich auf sagenhafte 8 Stunden Unterricht aus. Wir hatten keine Ahnung, um was es ging. Eine Synchronübersetzung vom Tibetischen ins Englische konnten wir zwar auf Frequenz 100 mit unseren Mp3 Playern empfangen, doch das heißt nicht, dass man dann irgendwas über Tatras und Mantras versteht. Am Anfang sprach er noch recht viel über sich aber dann wurde es vollkommen buddhistisch-theologisch und ich nahm mir mein Hindibuch zum Lernen. Des schlimmste jedoch war, dass man diese 8 Stunden (mit zwei Pausen) im Schneidersitz durchstehen musste. Mein Rücken ist immer noch im Arsch.

Ich schätze, diesed Gegröle hat sicherlich offiziell irgendeinen spirituellen Sinn aber insgeheim dient es nur dazu einen aufzuwecken, wenn man mal wieder eingepennt ist. Du schlummerst semigemütlich vor dir hin, Kopf auf dein aufgestelltes Knie gelegt, und plötzlich machte es „Brumm“, volle Kanne aus allen Lautsprechern im Tempel, du schreckst hoch, wischst dir den Sabber vom Mund und tust dann so, als ob nichts gewesen sei.

Die andere Ablenkung waren die Brotzeitpausen, eine höchst sympatische Eigenschaft des buddhistischen Gottesdienstes. Das geht bei den Christen ein bisschen knausriger zu, nur so ein Stück Brot und wenn man Glück hat kriegt man noch einen Schluck zu trinken (ja, ich weiß, theologisch ist das jetzt total daneben). Bei den Buddhisten wird da voll aufgetischt: Zuerst kamen ca. 100 Mönche mit überdimensionalen blechernen Teekannen in den Tempel hineingerannt! und haben jedem Teilnehmer einen tibetischen Buttertee in den vorher ausgeteilten Pappbecher gegossen. Anschließend gab es ein rundes tibetisches Fladenbrot, leicht gezuckert, auch von rennenden Mönchen aus großen Wannen serviert.

Dass diese Mönche gerannt sind, ist deßhalb so besonders, da in Indien niemand rennt. Wenn mal jemand rennt, dann ist das um entweder einen Sitzplatz im Bus zu kriegen oder um der erste Schaulustige an einem blutigen Autounfall zu sein (war auf der Strecke nach Goa zu lernen). Vielleicht rennt man also in Tibet mehr als in Indien.

Neben der Zeremonie hat man so einige abgefahrene Bekanntschaften machen können: Ein buddhistischer Mönch namens Michael, in Deutschland geboren, in Californien aufgewachsen, bekennend schwul (scheint nicht so schwierig wie evangelischen Pfarrhäusern zu sein). Ein Ehepaar aus den Niederlanden, beide in einem italienischen buddhistischen Kloster lebend. Und ein weiterer Exiltibeter (mit der ersten Exilgruppe aus Tibet nach Indien geflohen), der 1980 für sieben Jahre in Tübingen studiert hat, dort sein Mönchtum abgelegt hat und eine amerikanische Frau geheiratet hat. Letzteren werde ich auf jeden Fall nochmal treffen, das hab ich mir schon vorgenommen.

Am Sonntag gab es dann ein weiteres kulinarisches High light. Viele Menschen hatten Essenspackete gesponsort (Früchte, Kekse, Mangosäfte, Zwieback ect.) und die wurden alle einzelnd vor dem Dalai Lama abgesegnet und dann an die Leute verteilt. Dazu wurden vorher Stofftüten ausgeteilt, in die man dann seine Brotzeit einpacken konnte.

Zum Schluss konnte dann nochmal jeder ins Auto winken und so fuhr seine Heiligkeit im Lamamobil zur letzten Zeremonie für den inneren Kreis, wo keine Ausländer zugelassen waren.


Mittwoch, 9. Februar 2011

Ein halbes Jahr in Indien

Ein halbes Jahr ist vorbei, ein weiteres steht vor mir. Es gab Hochs und Tiefs, keine Frage, manche Tiefs waren sogar ziemlich tief. Aber die Zeit treibt einen Alltag ins Dahinleben, der es inzwischen sehr schwer macht, noch viel über die eigene Situation, über seine Motivation und die Frage, ob dieses Jahr denn sinnvoll war, nachzudenken. Kalkeri ist mein zweites Zuhause geworden. Die Wochen fliegen nur so vorbei, die fehlenden Jahreszeiten tun ihr übriges, dass man jegliches Gefühl verliert, wieviel eigentlich ein Monat ist.
Im Moment ließe sich eigentlich über nichts klagen, außer über meinen Stuhl. Also, ich habe jetzt seit zwei Wochen einen Stuhl in meinem Zimmer (auch einen Tisch) aber der ist in Ordnung. Er ist zwar nicht besonders schön, ein roter Plastikstuhl mit mäßig schönem Blumenmuster in der Rückenlehne, aber zum Sitzen ist er prima. Der andere Stuhl, der, der weniger Konstanz hat (obwohl der rote Plastikstuhl auch nicht gerade sonderlich stabil ist) ist, wie gesagt, weniger zufriedenstellend. Er will sich seit zwei Monaten nicht mehr so recht erholen und verträgt sich immer weniger mit der lokalen Masala-Kultur (scharf, für alle, die nie beim Inder einkehren). Aber… lassen wir das. Ich kriegen von den anderen schon immer zu sehr geschimpft, dass ich sie zuviel darüber wissen lasse.
Mehr zu den Dingen, über die man nach sechs Monaten Indien wirklich sprechen sollte.
Das Lehrersein gefällt mir mal mehr, mal weniger, je nachdem, wie ich die Kinder unter Kontrolle habe. Seit zwei Monaten unterrichte ich meine 20 Drittklässler ohne Hilfslehrerin und es dauerte schon eine Weile bis ich meine knallharte Linie gefunden hatte. Aber inzwischen rumpelt alles hoch, sobald ich das Klassenzimmer betrete und schreit im Chor: „Good Morning, Hafner Sir“, salutiert und setzt sich wieder. Ja… so ungefähr läuft das.
Das, was ich aus diesem Jahr mitnehmen will, nimmt langsam Gestalt an. Ich lerne ein bisschen Sitar mit meinem Guru Hamid Khan, in Hindi verstehe ich langsam so machen Satzbrocken und ich beginne Mentalität, Religion und Kultur so langsam miteinander zu verbinden und ansatzweise zu verstehen.
Neulich, als ich mit zweien meiner Drittklässlern eine reading-class hatte, glaubte ich dahingehend etwas wichtiges kapiert zu haben. Wir lasen ein englisches Göttercomic, das ich in unserer kleinen Schulbibliothek gefunden hatte. In dem Comic, in dem es um die Transzendenz und Deszendenz der Göttin Ganga geht, bringt ein mächtiger Sadu (also eigentlich ein Nicht-Gott, mehr ein Weiser) mit einer Hm-Silbe 60.000 Brüder des Prinzen Amsuman um, indem er sie alle auf einmal in Flammen aufgehen lässt. Sie hatten den Sadu unverschämt behandelt. Daraufhin geht der Sohn des Prinzen auf die Suche nach seinen 60.000 Onkels. Als er den Sadu findet und erfährt, dass alle tot sind, überlegt er nur, wie man die Brüder vor der Hölle bewahren und doch noch in den Himmel bringen könne. Kein Wort von Zorn oder Ärger gegenüber dem Waisen, der mal eben 60.000 Leute verbrannt hat.
Die Geschichte fand ich ziemlich eindrücklich, weil sie ganz gut eine Eigenart indischer Mentalität widerspiegelt. Hier regt man sich über gar nichts auf, wirklich überhaupt nichts. Die indische Gelassenheit ist kein Sprichwort sondern eine Lebenseinstellung. Wenn einhundert Menschen in den Bus stürmen bevor auch nur einer ausgestiegen ist und dabei irgendwelche Omas mit zehn Kilo Kartoffeln auf dem Kopf über den Haufen gerannt werden, dann stört das niemand. Wenn sich an der Ladentheke einer vollkommen dreist vordrängelt, obwohl andere schon seit Minuten warten, dann ist das egal. Wenn bei Veranstaltungen keiner der vier Lautsprecher funktioniert und nur eins der vier Mikros, anyway. Wenn das Klo eines Nobelrestaurants aussieht wie drei Jahre lang reingekackt und noch nie sauber gemacht, dann ist das halt so. Bei uns ist ein Arbeiter in eins der Volunteershäuser eingebrochen und hat Geld und Kreditkarten geklaut. Als er von einem Volunteer in flagranti ertappt wurde, musste er ins Office kommen, die Dinge zurückkommen und hat Hausarrest bekommen. Niemand wurde besonders ärgerlich zur Brust genommen oder laut angegangen. Da kommt man sich schon blöd vor, wenn man sich darüber aufregt, dass sich hier niemand aufregt.
Avinash (Schulleiter) meinte in seiner Erklärung über das Puja (also das indische Gebet), dass man nicht, wie bei uns, betet, um Unheil abzulenken, sondern um es besser ertragen zu können. Wenn ich also etwas falsches gemacht habe, dann werde ich vom Karma bestraft und daraus gibt es überhaupt kein Entrinnen. Alles was mein persönlicher Gott mir geben kann, ist, dass ich mein schlechtes Karma mit Gelassenheit hinnehme. Ich bin nicht unendlich traurig und zornig, fange an, alles in Frage zu stellen, sondern nehme es als gottgegeben und damit unumstößlich hin. Das mache ich sogar, wenn ich selbst nichts für mein schlechtes Karma kann. Haben meine Vorfahren ein schlimmes Verbrechen begangen, kann auch noch die dreißigste Generation die Strafe ausbaden müssen. Bin ich in die Kaste der Toilettenputzer hineingeboren, dann habe ich halt Pech, aber aufregen tue ich mich nicht. Auch probiere ich nicht , mich daraus zu befreien, sondern nehme es als meinen Platz oder Aufgabe in der Welt hin.
Ich glaube, das ist es, was alles so easy macht. Die Vorstellung, dass sich ohnehin nichts ändern lässt. Das ändert sich zwar gerade in irrsinnigem Tempo, was große lebensbestimmende Dinge wie den Beruf angeht (weniger ist die Veränderung aber beim Thema arrangierte Ehe zu finden). Aber an den kleinen Dingen im Alltag ist das wunderbar spürbar.
Mitnichten will ich hier etwas kritisieren, denn es ist im Grunde eine sehr besonnene Art, mit dem Alltag umzugehen, die ich sicherlich zurück in der stressigen Welt doch das ein oder andere Mal vermissen werde.
Was schwer bleibt und mir allgemein auch recht aussichtslos erscheint, ist, eng mit Einheimischen anzubandeln. Dazu ist mein Dorf Kalkeri einfach zu, nennen wir es, entlegen. Diejenigen, mit denen man auf einen Nenner kommt, scheinen obligatorisch einmal in der IT-Hochburg Bangalore gelebt haben zu müssen. Das scheint irgendwie freizumachen von Vorstellungen wie: alle Weißen Menschen sind glücklich; alle Weißen sind Millionäre und jeder Inder muss möglichst schnell nach Europa oder Amerika. Bei uns haben das Avinash und der Accountance Yeshvand, mit denen man schon mal auf einen Mangojuice nach Dharwad gehen kann (Bier geht ja immer nicht, weil sie erstens nicht trinken und zweitens man sich in diese fixerstubenähnlichen Liquor Stores hineinsetzen müsste, wo die Alkoholleichen über dem Tresen liegen).
Ich hoffe für die nächsten sechs Monate, dass sich diese Begegnungen noch etwas mehren, denn man ist hier schon sehr stark in seinem Europäerkreis eingebunden (mit Gründerfamilie sind wir inzwischen 16 Volunteers).