Mein Hood

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Donnerstag, 16. Dezember 2010

Olympic Games – Kalkeri 2010

16.12.

Eine glorreiche Woche neigt sich dem Ende. Es waren große Emotionen. Tränen der Freude, der großen Sternstunden. Tränen des Versagens, des Zusammenbruchs, des Niedergangs großer Sportnationen.

Die Ehre, die olympischen Spiele 2010 auszutragen, ging für dieses Mal an Indien, das keine Kosten scheute und mit der kolossale Freiluftarena am Big Lake in Kalkeri aufwartete. Ein Athletendorf, genannt Kalkeri Sangeet Vidyalaya, seit acht Jahren sich im Aufbau befindend, setzte der Milliardenstaat in generöser und monumentaler Weise in den Dschungel nebenan. Es war ein internationales Fest, das Seinesgleichen sucht. Alle wichtigen Nationen waren vertreten: Kanada, Indien, Deutschland, Frankreich, die USA, Russland, Australien, China, England und der Geheimkandidat Süd Afrika zogen gemeinsam letzten Sonntag in der Yogahall des Athletendorfes ein. Eine volle Woche zuvor fand in erbitterten Kämpfen die beinharte Qualifikation der besten Sportler der Welt statt. Jeden Tag wurden die letzten beiden letzten Stunden des akademischen Begleitunterrichts der Athleten gestrichen, um am Big Lake die Besten der Besten, unterschieden in drei Altersgruppen und Jungen und Mädchen, herauszusieben.

Der große Tag begann mit der morgendlichen Aufwärmrunde der Volunteers:

Noch Tage vor der großen Eröffnung wurde gerätselt, ob Indien fähig sei, diese Spiele auf sich allein gestellt zu meistern. Peinliche Meldungen gingen um Welt, die Presse zerriss sich buchstäblich das Maul über das Management und die Organisation.

Völlig Mangelhafte Sanitäranlagen:

Gemeinschaftsduschen:

Unterkünfte ohne Betten; die Athleten wurden angehalten, auf dem Boden zu schlafen.

Doch, wie das in Indien eben so ist, hat es diese große Nation alles Essenzielle doch noch auf den letzten Drücker fertiggestellt und die achtstündigen Spiele konnten pünktlich beginnen.

Schon die Eröffnungszeremonie war, wie es scheint, rein auf die große Show, Glanz und Prunk ausgelegt. Bereit, allen anderen Nationen zu zeigen, wo das aufstrebende Indien gerade steht, marschierten alle Nationen nacheinander mit ihrer Nationalhymne in die Yogahall ein. Jeder Nation wurde ein sog. „Volunteer“ beiseite gestellt, zuständig für die Koordination des jeweiligen Landes.

An meiner Seite zog das Team „South Africa“ in den Kampf.

Barbara wurde mit Australien glücklich:

Als Koordinator war man bedauerlicher Weise auch für den Flaggenentwurf zuständig. An dieser Stelle traf es mich schwer, mich nicht für Deutschland, Russland oder Frankreich entschieden zu haben. Australien und ich gingen als letztes aus der Fahnen-Malstunde heraus.

Die Disziplinen reichten von High Jump, Long Jump, 5 Kilo Stoßen, 100 Meter und 800 Meter Rennen bis zum Tail-Game, wobei man einen Stofffetzen aus der Hose des Anderen ziehen muss.

Schnell wurde jedoch klar, dass Süd Africa in diesen Spielen nur eine Nebenrolle spielen würde.

Frankreich jedoch auch:

Es kam zu heißen Einläufen bei den 100 Metern. Saddam Hussein fährt Gold für Kanada ein:

Angeheizt von der olympischen Hymne vertont von Dulu, Akhbar und Pantchacheri:

Sagenhaften Startzeiten bei den 800 Meter Läufen:

Chetan hatte wieder nichts kapiert:

Als Halbzeiteinlage eine sagenhafte Perfomance von „Frau wäscht Bulle“:


Die pure Muskelkraft:


Sukanya beim Weitsprung:

Anjali beim Hochsprung:

Kämpfe auf Leben und Tod beim Tail-Game:

Das Fest neigte sich dem Ende:


Die Preise waren enorm: Allein die blanke Teilnahme erbrachte eine ganze Banane für jeden; denn auch in Indien gilt: Teilnehmen ist alles. Das wird immer so gesagt, dabei stimmt das überhaupt nicht.

Bronze gab eine Frucht namens Chikku (schmeckt auch wirklich höchstens bronzemäßig). Für Silber erhielt man eine Mandarine und für Gold eine Orange plus Chikki (karamellisierter Erdnussklumpen).


Es waren erhabene Momente. Für jeden ersten Platz wurde die Hymne des Landes angespielt (Russland machte wirklich am meisten her; und Südafrika ist äußerst eigenartig).

Hier haben wir unseren südafrikanischen Starathleten Manju Lamani, ein Tier, ungelogen, auf dem ersten Platz. Es ging schon die Idee herum, einen Manju Lamani Preis einzuführen, für den besten Athleten.


Die Preisverteilung auf die Teams:


Der südafrikanische Teamgewinn:

Und wie sah der Medallienspiegel am Schluss natürlich aus? USA war auf Platz eins. Das ist einfach zu lächerlich. Die gewinnen nicht nur immer in echt, sondern auch im Spiel mit 12 Goldmedallien. Wie gibts das denn? Südafrika hatte, ebenfalls realitätsgetreu, gerade mal vier.


Donnerstag, 9. Dezember 2010

Handys


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Wie ich ja letztes mal versprochen hatte, wird noch ein Blog auf den Gebrauch von Mobiltelefonen in Indien folgen. Und diesen schiebe ich doch gleich diesen Freitag hinterher.
Handys stellen hier nicht nur irgendein Gerät des Alltags dar, wie etwa ein Fernseher oder ein Motorrad, sondern haben einen beinahe heiligen Status unter den persönlichen Gegenständen inne.
Wenn man hier nach etwas wie einem Statussymbol sucht, dann wird man als allererstes im Handy fündig. Hole ich hier mein mit Tesa zusammengehaltenen Mobilfunkknochen heraus schieb ich auf den fragenden Blick, warum ein reicher Westler so einen Schrott besitzt, sofort hinterher, dass das das alte Handy meiner Schwester war - worauf mir meist auch noch meine männliche Eigenständigkeit abgesprochen wird. Man mag sich in der ländlichsten Gegend weit und breit befinden, kein Strom, kein Auto im Dorf, der einstündige Marsch zur nächsten Bushaltestelle nach Dharwad wird per Fuß unternommen. Aber ein Handy hat im Dorf jeder Zweite.
Der Sinn solcher Geräte liegt jedoch scheinbar nicht in der Erreichbarkeit oder Mobilität, sondern – zumindest bei der jungen Generation – scheint ausschließlich der Unterhaltung zu dienen. Beim Laufen, beim Autofahren, im Bus, im Zug, beim Arzt, bei langweiligen Reden auf öffentlichen Anlässen, immer läuft hier der zum dahinschmelzende Hindi-Pop. Ein Beispiel aus dieser sagenhaft komplexen und differenzierten Musikrichtung lässt sich auf http://www.youtube.com/watch?v=0RxmkE-0rKM&feature=related finden. Und das nicht, wie bei uns, in Form von dezenten Kopfhörern, sondern mit einer integrierten 500 Gigawatt Basemachine, die so laut sein kann, dass man sich fragt, ob man Handylautsprecher bei uns zuhause irgendwie herunterregelt.
Der witzigste Teil eines Zusammentreffens zwischen einem Handy-Inder und einem Europäer ist, wenn der Inder versucht, sein Gegenüber musikalisch zu beeindrucken, indem er ganz schnell von Hindipop auf westliche Evergreens umschaltet. Dazu gehören an aller erster Stelle Michael Jackson, grundsätzlich „Beat It“ oder „Thriller“, dann kommt meist Beatels und was in Augen indischer Musikliebhaber immer beeindruckt ist die Techno-Version von Celin Dions Titanikknaller „My heart will go on“ - ich habe ihn gefunden: http://www.youtube.com/watch?v=d5Z1KOkuuQQ. Es lohnt sich, versprochen. Bei 3:16 kommt eine ganz irre Modulation, das ist es wert!
Zeigt sich der Europäer immer noch nicht interessiert, wird wieder auf landesübliche Uffts-Uffts-Musik umgeschalten. Ich habe mir vorgenommen, jetzt zum Frontalangriff/musikalischen Späterziehung überzugehen und jede Busfahrt mit unseren kleinen portablen Boxen und Bachs Weihnachtsoratorium zu versüßen. Ich werde eine reine Rezitativ-Compilation zusammenstellen. Da werden die nicht so schnell vergessen, dass bald Weihnachten ist. Gibt sich mein gegenüber damit immer noch nicht geschlagen, vermittle ich deutsche Kultur anhand des Albums „Ballermann Hits Party 2010“.
Auch im täglichen Umgang mit Indern muss man feststellen, dass man auf der Aufmerksamkeitsskala eindeutig hinter einem Mobiltelefon liegt. Erholt man sich in Deutschland gerade davon, Allzeit-Erreichbarkeit cool zu finden und ständiges Sms-Tippen während eines Gespräch als höfliche Nebenbeschäftigung zu erachten, so gibt es in Indien nichts Professionelleres, als eine Unterhaltung alle drei Minuten wegen eines eingehenden Anrufes zu unterbrechen. Und lädt man Personen zum gemeinschaftlichen Abendessen ein, scheint es völlig legitim zu sein, statt sich zu unterhalten, die nächste Geschäftswoche übers Handy zu planen.
Vielleicht nehmen sich das Inder als eine Art Belohnung heraus, hat man es erst mal geschafft, eine Sim-Karte zu beantragen. Denn das ist wahrlich keine leichte Aufgabe. Mich hat es fünf Gänge zum Air-Tel (die SIM-Firma) Office gekostet, Ida etliche Telefonate, Barbaras Karte wurde nach einem Jahr einwandfreien Funktionierens wieder eingezogen. Man braucht ein Passfoto (nicht zu groß, nicht zu klein, keine falsche Hintergrundfarbe), eine Ausweiskopie, eine Aufenthaltsgenehmigung und einen Zeugen, der beweisen kann, dass man auch wirklich da wohnt, wo es auf der Karte steht .
Wenn man das alles ordnungsgemäß abgeliefert hat, bekommt man Wochen später einen Anruf, bei dem man sich nochmal mündlich ausweisen können muss. Verpasst man den mehrmals, ist die Karte wieder futsch und man kann wieder von Vorn anfangen – und das alles, um eine Handykarte zu kaufen! Das geht bei uns beim Aldi binnen einer Minute.
Zum Abschluss gibt es hier noch einen kurzen Nachtrag zum 6. Dezember; aufgrund der Dauer, die dieses Video zum Hochladen braucht, nur eine Strophe.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Busfahren

02.12.


Mein Kaff und das Boomtown Dharward verbinden täglich, ich glaube, acht öffentliche Busse. Der erste fährt um 6:30 Uhr, der letzte um halb zehn. Im ersten schlafen meist alle, im letzten sind meist alle betrunken.
Dieses gadi („Auto“oder „Gefährt“ in Hindi) einen Bus zu nennen, ist für einen Europäer schwierig.
Erst einmal hat man in indischen Bussen diesen ganzen überflüssigen Schmarn wie Türen oder Fenster und nnenverkleidung entfernt. Eine Tür nimmt nur Platz weg und wenn keine dran ist, dann kann man sich auch noch draußen ranhängen. Einen Fuß im Bus, alles andere außerhalb. Fenster gibt es ein paar im Bus; wenn es also regnet, muss man Glück haben und einen der begehrten Erste-Klasse Sitze mit Plastikplatte im Fenster ergattern. Allgemein ist es ziemlich ungemütlich, bei Regen Bus zu fahren. Auf meiner Heimfahrt von Hampi (nebenbei bemerkt, der schönste Ort auf Erden) saß ich fünf Stunden auf einem der weniger begehrten Sitze mit leckender Scheibe. Die Füße standen im Wasser und jedes Mal, wenn an uns ein Auto vorbeifuhr, musste ich mir das Gesicht wischen. Dem Busfahrer erging es nicht anders.
Den Sitzplatz zu ergattern bedeutet hier ein Kampf auf Leben und Tod. So zuvorkommend und freundlich die Inder auch sind, wenn es um eine Sitzgelegenheit im Bus geht, dann hat der Spaß ein Loch. Da entsteht ein gnadenloser Gerangel, fern jeden Respekts vor dem Alter oder vor Frauen, die eine Tonne Kartoffeln auf dem Kopf tragen. Noch bevor der Bus überhaupt den Busstand erreicht hat, springen die ersten schon auf den noch fahrenden Bus. Und wenn der Bus steht, gilt mitnichten das Gebot, erst aussteigen, dann einsteigen. Ich muss da immer an die entnervten Deutschen denken, die sofort zu meckern anfangen, wenn sich am Ausstieg nur eine Traube Wartender gebildet hat. Hier hat das eine ganz andere Dimension. Da wird der Aussteigende vom Einsteigenden wieder in den Bus zurück geschubst, der Ellenbogen wird ausgefahren und man bahnt sich den Weg zum erstbesten Platz. Ich habe dieses animalische Verhaltensmuster natürlich sofort adaptiert. Ich bin jetzt ein eins-A Drängler und Schubser – da werden die deutschen Busfahrer staunen. Eine weitere geniale Möglichkeit, einen Sitzplatz zu ergattern, ist zu reservieren. Da die Busse, wie gesagt, keine Fenster besitzen, wird einfach ein Handtuch durch das Fenster geschmissen. Sehr beliebt ist auch Kinder durchs Fenster zu stecken. Und das Reservierungssystem funktioniert einwandfrei, da hält sich dann plötzlich wieder jeder ganz gesittet daran.
Bevor die Fahrt losgeht wird immer erst ein Puja vollzogen. Vor der ersten Fahrt um 6:30 Uhr findet ein großes Puja statt, das heißt mit Räucherstäbchen, ein Hindi-Om wird auf groß in die Mitte auf die Windschutzscheibe gemalt und ein Kannad-Om neben den Schaltknüppel. Die Busfahrer, die immer im Bus in Kalkeri nach der letzten Fahrt übernachten, ziehen sich den Pyjama aus und schlüpfen in die khakifarbene Busfahrerrobe. Dann wird Zähne geputzt, man entledigt sich seines Schleims im Hals durch das Fenster mit einer solchen Lautstärke, dass das ganze Dorf dabei aufwacht, und vor dem Losfahren wird einmal kräftig gehupt, damit auch wirklich jedem klar wird, dass jetzt der Bus für die nächsten eineinhalb Stunden weg ist. Im Bus ist es ein solches Geruckel, dass man entweder sofort einschläft oder gar nicht schlafen kann. Wo es in Deutschland nämlich cool ist, wenn ein Bus eine Hydraulik zur Einstiegserleichterung hat, staunt man in Indien über den technischen Fortschritt in Bussen anhand von Dingen wie einem Scheibenwischer oder Rücklichtern. Begeht man den Fehler, sich in einem leeren Bus nach hinten zu setzten, fliegt man bei jedem der ca. 100 Geschwindigkeitspollern auf der Strecke Kalkeri-Dharwad ungefedert bis zur Decke.
Auf dem Weg passiert das, was man vom indischen Verkehr klischeehaft kennt: Völlig gestörte Überholmaneuver, bei denen man den auf der richtigen Seite fahrenden meist ausbremst, 90°- Kurven auf einem Feldweg werden mit dem Bus so schnell genommen, dass man sich meist auf nur zwei statt vier Rädern glaubt und das wichtigste: hupen. Hauptsache immer Hupen. Hupen ersetzt hier den Schulterblick, alle Spiegel, das vorsichtige aus der Ausfahrt herausrollen, beide Blinker, Ampeln, Verkehrsschilder und -regeln. Letztere existieren zwar, treten aber nur aber kaum ersichtlich in Aktion.
Im Bus lassen sich zwei weitere Eigenheiten indischer Kultur beobachten: Der exzessive Gebrauch von Handylautsprechern (darauf werde ich mit Sicherheit in einem eigenen Handy-Blog zu sprechen kommen; nur soviel, der Minister für ländliche Entwicklung meinte neulich: Es gäbe mehr Haushalte mit einem Mobilephone als Haushalte mit Toilette; da müsse man doch was ändern!) und wieder das super-eklige Pankauen. Alle drei Minuten bewegt sich Männlein wie Weiblein zum Fenster, um sich mit einem Rotzer des roten Safts zu entledigen. Den haut es bei genügend Fahrtwind beim nächsten Fenster hinter dem Rotzer wieder durch das Fenster ins Gesicht des Hintermannes. Meist passiert das zwar nur, wenn genügend Alkohol im Spiel ist, also im letzten Bus, aber wenn, dann ist das ziemlich lustig.