Mein Hood

Mein Hood

Sonntag, 28. November 2010

Dreimontasbericht

28.11.


Diese Woche hat es mich mit ordentlichem Fieber, Husten, Durchfall und sonstigem ins Bett befördert, weshalb ich hier nun ganz langweilig mit dem Dreimonatsbericht aufwarte, den jeder weltwärts-Teilnehmer ans Ministerium abliefern muss.
Voilà:


Dreimonatsbericht I


Drei Monate und es fühlt sich an wie vorgestern“. So, nehme ich an, fängt jeder zweite Drei-Monatsbericht an. Und ja, wenn ich mir vorstelle, dass ich nun seit einem viertel Jahr unterrichte, dann erscheint mir das wirklich ziemlich unrealistisch. Dass seit meiner Ankunft am Bahnhof von Dharwad drei Monate vergangen sind!

Jedoch muss man hierbei stark unterscheiden, was man meint, wenn die Zeit schnell vorübergeht.

Denn wenn ich mir vorstelle, wie viele Gedanken, Stimmungen und Launen in diesen drei Monaten steckten, dann dehnen sich dieses viertel Jahr zu einer Ewigkeit aus.

Drei Monate, in denen ich so schnell und oft zwischen „Alter ist das geil hier; Indien, ich kanns nicht fassen!“ und „Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?“ hin und her hüpfte.

Als ich mir überlegte, dieses Jahr zu anzugehen, stand die verblümte Romantik eines Auslandsjahres in einem exotischen Land in geballter Form vor mir: Ein fremdes Land, eine andere Kultur, eine Sprache lernen und dazu noch sozial sein. Ein perfekter Abschluss meiner Schulzeit bevor man sich als Student wieder hinter der Schulbank befindet. Ahnung, was ich studieren sollte, hatte ich ohnehin nicht, wieso also die Zeit in Deutschland absitzen?

So einfach sich dieses Jahr in Deutschland anfühlte, so unerwartet kompliziert war es plötzlich.

Wie oft saß ich in meiner Hütte zwischen Ameisenkolonien und leckenden Dachziegeln im Monsun, mich fragend, was mir die ganze Sache hier eigentlich bringt? Zuhause, noch voll in Schule, Abitur und Alltag steckend, sagte sich das ganz leicht und unbeholfen, als man sich im Telefoninterview um die Aufnahme ins weltwärts-Programm bewarb: „Ich will mal ein Jahr nicht an mich denken; die Bildung, die man in seinem Eins-a-Schulsystem genossen hat, auch anderen zuteil werden lassen; ein Jahr außerhalb der Karriereleiter zu verbringen.“ Klang alles ziemlich schlau und edel und war sicherlich auch genau das, was man sagen musste, um angenommen zu werden.

Doch wenn man dabei ist, seine Selbstlosigkeit auszuleben, dann fühlt sich das eindeutig selbstloser an, als man zuvor angenommen hat.

Der Gedanke an den deutschen Alltag fühlt sich plötzlich überraschend angenehm an, wenn man im Dschungel sitzt, ohne Internet oder irgendetwas, was einen mit Zuhause, Familie, Freunden, bekannten Gerüchen oder Klängen verbindet. Das eigene Leben scheint irgendwie stehenzubleiben, wobei gleichzeitig man meint, dass zuhause alles weiterläuft.

Doch wie das so ist, man gewöhnt sich an alles. Das soll in keiner Weise heißen, ich fühle mich unwohl, habe mich aber darin eingerichtet. Man findet einfach nach der Zeit seine Personen, mit denen man gut kann, seine Orte, wo man sich gern aufhält und wohlfühlt (es gibt einen überaus schicken Park in Dharward, der ein klein wenig eine Biergartenatmosphäre vermittelt – nur halt ohne Bier), findet neue Hobbys und baut sich seinen indischen Alltag so langsam neu auf.

Aber kurz zu meinem Projekt und meiner Tätigkeit: Ich bin im Dorf Kalkeri in der Nähe der Stadt Dharwad in einer Musikschule für klassische indische Musik. Mein Arbeitstag besteht primär täglich drei Englischstunden für die Klassenstufen 3-10. Nebenbei sind täglich eine Nachhilfestunde, eine Lesestunde und eine Schönschreibstunde für die im Fachjargon meines neuen Berufs genannten „weaker students“.

Da Kalkeri Sangeet Vidyalaya (meine Schule) ein Internat ist, verteilen sich diese Aufgaben über die ganzen Tag und somit fühle ich mich mit ca. sechs Stunden täglich und sechs Tagen die Woche wunderbar ausgelastet (ganz im Gegensatz dazu, was andere indische Freiwillige mir von ihren Projekten erzählt haben). Natürlich stöhnt man manchmal doch etwas, wenn der Tag kein Ende finden will. Aber auf der anderen Seite bin ich unglaublich froh darüber, das Gefühl zu haben, wirklich gebraucht zu werden und nicht zum Hängematten-Ausprobieren nach Indien gekommen zu sein. Ein „stressiger Alltag“ ist, so meine Erfahrung, das beste Mittel, eine gefühlsmäßig schwierige Zeit zu überwinden.

Ein weiterer Punkt, über den ich erst nach einigem Nachdenken glücklich geworden bin, betrifft die Lage meines Projekts. Wenn man bei Indien an Dschungel und Affen denkt, dann ist das meistens falsch aber für dieses Projekt trifft genau das zu: Man glaubt sich wirklich am Ende der Welt zu befinden, wenn man die Schule, die auch oft als Aschram bezeichnet wird, über den steilen Trampelpfad betritt. Die Schule ist etwas außerhalb des Dorfes Kalkeri gelagert, das wiederum eine Stunde von der mittelgroßen Stadt Dharwad entfernt ist. Da sich nicht einmal nach Dharwad ein Tourist verirrt, man als Weißer damit ein absolutes Highlight ist, egal wohin man geht, merkt man sehr schnell, dass man wirklich voll und ganz in Indien ist. In der totalen Diaspora, was westliche Konsumgüter oder Lebensweisen angeht (ein „Feinkostladen“ führt Nutella und Kellogs' Choco Crisps, das einzige was an westlicher kulinarischer Erinnerung geblieben ist). Anfangs hatte ich sehr daran zu kauen, überhaupt keinen Kontakt zu den anderen Freiwilligen von ICDE zu haben, keine Möglichkeit in Bangalore oder Mysore die Straßen unsicher zu machen. Aber je länger ich hier war, desto mehr wurde mir bewusst, dass wahrscheinlich kein anderer die Möglichkeit hat, so intensiv und so nah und unverfälscht indische Kultur kennen zu lernen: Die Feiertage konnten wir hautnah in den Familien der Lehrer miterleben, die Sprache kommt einem viel schneller, wenn nur sehr wenig Englisch sprechen und auch einen Zugang zur klassischen indischen Musik findet man sicherlich in keinem anderen Projekt (wobei mir das hier auch nicht unbedingt so richtig gelingt).

Abschließend lässt sich sagen, dass die Monate bisher sowohl dick als auch dünn waren (das lässt sich auch auf meinen Stuhl übertragen), aber in jedem Fall lohnenswert!



Donnerstag, 18. November 2010

Meine Woche

18.11.10


Ich sage es ungern, meine gigantische Fangemeinde in der Heimat, aber es fällt mir zunehmend schwieriger, meinen Wochenblog aufrecht zu erhalten. Es ist schon wieder Donnerstag Abend und mir fällt nicht ein, was ich schreiben könnte.
Eigentlich ist das ja ein gutes Zeichen, denn ich fühle mich so langsam angekommen in Land und Kultur und es entwickelt sich so etwas wie ein „stressiger Alltag“. Ich hätte es nicht gedacht, aber mir fehlte es lange Zeit, dass ein Tag von alleine vergeht, man ihn nicht ständig selbst gestalten muss. Wo man am Anfang dauernd damit beschäftigt war, sich selbst zu beschäftigen, zerrinnt einem nach und nach die Zeit zwischen den Fingern – und das ist wie gesagt ein tolles Gefühl. Man wird gebraucht, hat Spaß daran, denkt nicht viel darüber nach und schon ist der Tag vorbei. Die Kehrseite der Medaille liegt natürlich darin, dass Dinge wie Blog schreiben, Lesen, Hindistudien ect. damit schnell in den Hintergrund rücken. Aber wenn man das dann auch noch unterkriegt, fühlt sich so ein Tag am Abend einfach fertig an und man geht zufrieden ins Bett.
Die unspannenden Ereignisse der letzten Woche: Am Freitag war meine erste Sitar-Stunde mit dem Starguru aus Dharwad, der schon in Frankreich und Deutschland auf Tour war. Eine Stunde bei diesem Sitarcrack in der 6. (!) Generation kostet unfassbare zwei Euro. Die Sitar ist meiner Meinung nach ursprünglich als Folterinstrument erfunden worden. Zuerst einmal muss man sich eine Metallklammer an den rechten Zeigefinger schnallen, der ordentlich fest sitzen muss. Bei intensiver Benutzung wachsen dadurch seitlich am Finger zwei Hornhautgeschwülste, die ihn wie einen Schlangenkopf aussehen lassen. Deshalb sagt Hamid Khan (mein Lehrer) auch: Erst, wenn man die Kobra hat, ist man ein echter Sitarist. Zweiter masochistischer Teil liegt in der Sitzhaltung. Wenn man schon mit dem Schneidersitz seine Probleme hat, sollte man sich zweimal überlegen, ob man Sitar lernt. Auf den linken Fuß muss man sich drauf setzen, so dass der Innenrist aus Ablage für die Sitar dienen kann. Das kann man schlecht beschreiben, das muss man sehen. Jedenfalls tuts sau weh und ich halt es für ungefähr zwei Minuten aus, bis ich wechseln muss (zur Erinnerung, ein Programm dauert so seine 3-4 Stunden). Die schmerzhafteste Angelegenheit aber ist der linke Zeigefinger, mit dem man auf der Stahlsaite hin und her rutschen muss. Die Saite frisst sich nach einer Tonleiter schon ins Fleisch, dass man gleich wieder Pause machen kann. Man entwickelt zwar auch dort jede Menge Hornhaut aber das macht die ersten Stunden trotzdem nicht weniger schmerzhaft. Alles in allem ein suuuper Instrument.
Zweites Highlight der Woche: Unsere Englischlehrerin der höheren Klassen hat wahrscheinlich gekündigt. „Wahrscheinlich“, weil man das in Indien dadurch erfährt, indem der Lehrer einfach eine längere Zeit unabgemeldet fehlt – meist nach einem Gehaltsscheck. Die Dame war – um es lieb auszudrücken – etwas eigen und stieß damit wahrscheinlich auf nicht zu viel Sympathie beim Collegium. Cool für mich, denn jetzt bin ich zum offiziellen Lehrer der Klassen 9 und 10 aufgestiegen. Weniger cool, denn damit bin ich gleichzeitig für die „Abiturphase“ der 10. Klasse (damit entscheidet sich, ob sie aufs College gehen können) verantwortlich. Geschrieben wird das Ende März, aber vielleicht geht das auch wieder um „grandapusses glases on the table like“; dann wird das ein Klacks – oder auch nicht.
Drittes Highlight war das gemeinsame Renovieren unseres Hauses. Unser Volunteerteam hat bisweilen etwas Schwierigkeiten zusammenzufinden (diese Kanadier sind aber auch blöd; nein Quatsch) und so dachten wir, wir machen es wie beim BWM Managerseminar und gehen als hochbezahlte Lehrkörper in den Wald und schmieren uns gemeinsam mit Kuhscheiße voll. Nein, es war wirklich ein super Wochenende und ich kann jetzt jedem, der will, in Deutschland eine Eins-A-Hütte bauen, superökologisch, hundert prozentig nur Naturprodukte. Ich habe jetzt auch ganz offiziell das schönste Zimmer, weil mein Zimmer seit drei Tagen im skandinavisch-ikeanischen Stil mit hochmodernen unregelmäßigen braunen Balken an der Wand erstrahlt. Erst fanden alle, es sieht einfach nach Dreck an einer weißen Wand aus aber inzwischen finden es doch alle gut. Sogar unser Worker stand für lange Zeit vollkommen fasziniert in meinem Zimmer und starrte beeindruckt an die Wand: „Bahut atscha hey, bahut atscha“ (Ist sehr gut, sehr gut!).
Viertens: Die Volunteers nahmen am muslimischen Bakri-Feiertag an einer Schächtparty teil. Das ist der Tag, an dem Abraham seinen Sohn opfern soll; in leicht veränderter Fassung auch im Koran vorhanden. Kasi Sir, ein Office-Mitarbeiter der muslimischen Fraktion (wir haben vier muslimische Mitarbeiter) hat uns zu sich nach Hause eingeladen. Leider hat er an dem Tag aber keinen Schächter für die zwei Ziegen im Hausflur gefunden (die waren alle schon ausgebucht), sodass er uns nur Beef anbieten konnte, was aber überhaupt keinen gestört hat, denn das war das erste Beef seit drei Monaten.
Zum Allgemeinen: Der „Winter“ erreicht hier mit lauen 20-25°C und einer ständig abnehmenden Luftfeuchtigkeit seinen Höhepunkt, was man an den schneller trocken werdenden Klamotten bemerkt (jetzt dauert es nur noch zwei Tage, nicht mehr drei).

Freitag, 12. November 2010

Beziehungen

12.11.10


Beziehungen ist in Indien ein ganz heikles Thema. Eine Beziehung besteht in 99% aller Fälle nur innerhalb einer Ehe. Der Status „Freund“ oder „Freundin“ ist für Inder etwas absolut unnormales, etwas, was Eltern, Familie und Dorf unbedingt verhindern muss, um üble Nachrede zu verhindern.

Das quebecische Pärchen, das seit zwei Monaten hier im Projekt arbeitet, musste sich von Anfang an als Ehepaar ausgeben. Alle Volunteers müssen immer schmunzeln, wenn die beiden vom „husband“ oder „my wife“ sprechen.

So hart sich das auch anhört, natürlich sind Beziehungen unter Schülern auch an unserer Schule strengstens verboten. Heimliches Zusammensein an irgendeinem versteckten Ort wird offiziell mit Rausschmiss geahndet. Vor den Ferien ist eine Zehntklässlerin mit einem Jungen aus Kalkeri hinter einem der Hostels gefunden worden (wahrscheinlich völlig harmlos aber das genügte schon). Die Eltern mussten informiert werden und als die Ferien zu Ende waren, ist zwar ihre Schwester wieder aufgetaucht, nicht aber sie. Sie arbeitet jetzt auf dem Familienacker in ihrem Dorf mit.

Indische Schulen und Internate trennen Jungen und Mädchen allgemein extrem scharf. Getrennte Hostels sind ohnehin Pflicht, hier wird aber sogar getrennt gegessen: In der Yoga-Hall (unser Esspavilion) sitzen die Jungs auf der einen Seite auf dem Boden, die Mädchen auf der anderen Seite. Wenn man allerdings andere Schulen betrachtet, glaubt man sich in einer absoluten Reformschule wiederzufinden: Dort sitzen Jungen und Mädchen auch in den Klassen getrennt und Dinge wie ein gemeinsamer Videoabend (haben wir hier wöchentlich am Samstag Abend; da laufen dann meist Filme aus den Studios Karnattakas, die noch weitaus schlechter und langweiliger als Bollywoodfilme sind) ist absolut unvorstellbar. Und natürlich bleibt Indien trotzdem ein Land, in dem man sich verliebt – neben allen Regeln und Trennungen. Die Volunteers munkeln immer, wer gerade mit wem heimlich liiert ist, nur darf das niemals öffentlich werden, denn dann ist, wie gesagt, die Hölle los.

Die strickte Geschlechtertrennung zieht sich weiter ins College, wo genauso beim kleinsten Anzeichen einer Beziehung der Rausschmiss folgt. Nun braucht man aber nicht glauben, dass sich hier ständig Pärchen bilden, die durch die strikten Strukturen wieder auseinandergerissen werden. In den allermeisten Fällen kommt es überhaupt nicht so weit, denn die von Klein auf antrainierte Distanz vom anderen Geschlecht erledigt das von ganz alleine. Dayanand (18), einer unserer Jungs, die zwar hier wohnen aber schon aufs College nach Dharwad gehen, meinte neulich, dass er nach sechs Monaten heute zum ersten Mal mit einem Mädchen gesprochen hätte.

(Kleine Notiz am Rande: hinter mir in meiner Hängematte wird gerade der Boden renoviert, soll heißen ein fetter Brocken Kuhexkremente zu meinen Füßen verschmiert).

Das Thema Beziehungen wird allerdings erst richtig spannend, wenn man zu den arrangierten Hochzeiten gelangt. Natürlich änderst sich in Indien gerade extrem viel und das tut es extrem schnell. Und natürlich gibt es immer mehr Leute, die sich verlieben und dann heiraten. Aber das ist die absolute Ausnahme. Selbst unser Schulleiter (der drei Jahre in Bangalore gearbeitet hat, was für Inder bedeutet, dass er jetzt ein Beinahe-Westler ist) ist vor zwei Jahren von seiner Mutter mit einer Frau verheiratet worden, die per Zeitungsannonce gefunden wurde und die er einmal vorher gesehen hat. Die Mutter selbst wiederum war mit ihrem Onkel verheiratet und unsere Hindilehrerin wurde in der achten Klasse mit ihrem Cousin verheiratet.

Aber die ultimativ traurigste und unfassbarste Szene hatte ich mit dem Buchhalter unserer Schule – circa 25, recht gut aussehend, hat auch in Bangalore gearbeitet und ist damit ganz klar aufgeschlossener als die meisten anderen. Ich fuhr mit ihm im Bus nach Dharwad und wir unterhielten uns über dies und das – er hat mir jetzt ein second-hand Fahrrad besorgt – und kamen zum Thema Freundin. Ganz erstaunt erfuhr ich, dass er in Dharwad eine Freundin hat. Schnell erfuhr ich aber auch, dass das alles andere als einfach ist, denn als ihre Eltern von der Beziehung erfuhren, haben sie sofort jeden Kontakt unterbunden. Er war die niedrigere Kaste und daher bestand keine Chance. Somit besteht diese Beziehung nun seit einem Jahr darin, dass sie sich übers Handy unterhalten. Als wir aus dem Bus stiegen, bekam er einen Anruf und meinte, ich solle schnell mitkommen. Wir gingen zum alten Busstand und er sagte: „Jetzt schau rechts, nicht zu auffällig, das Mädchen im türkisen Sari.“ Die Szene war filmreif, Romeo und Julia in Echt, atemberaubend, wenn sie nicht so tragisch gewesen wäre. Das wirklich hübsche Mädchen winkte uns zu – ich bin angekündigt worden übers Handy – und nach ungefähr einer Sekunde mussten schnell weiterlaufen. Das ist das Leben eines erwachsenen Mannes, ein einziger Blick am Nachmittag an einem völlig überfüllten Busstand. Manchmal muss Kultur echt zum Kotzen sein...

Donnerstag, 4. November 2010

Mein Projekt

02.11.10

Wie versprochen wird heute das mir schon so vertraut – und damit langweilig – gewordene Thema „mein Projekt“ zu Wort kommen.
Ein normaler Tag in meinem Projekt sieht folgendermaßen aus: Aufgestanden wird um circa acht Uhr – manche, die das schreckliche Los des Morgen-Platecheck (dazu komme ich gleich) gezogen haben, auch früher – und der Tag beginnt mit einer arschkalten Eimerdusche. Man denkt am Anfang noch, nach einem Monat gestählt wie ein Titan zu sein, aber... nein, das tritt glaube ich nie ein.
Darauf wird sich unten auf der Terrasse der Küche eingefunden, wo es leckeren Reis – mal gelben, mal mit Zwiebeln, mal gepufften – und natürlich klassischen indischen Chay zum Frühstück gibt.
Das zweite Frühstück findet direkt anschließend im Volunteershaus statt; Nutella, Jam, Peanut-butter, eben das was man auch unter Frühstück versteht.
Jedem ist ganz sich selbst überlassen, wann er seinen Unterricht vorbereitet aber was mich angeht, findet das jetzt nach dem zweiten Frühstück statt. Ich unterrichte seit den Ferien meine dritte Klasse nur noch in Englisch, davor auch noch Mathe (das habe ich zugunsten englischen Diskussions- und Grammatikstunden mit den Klassen sechs bis zehn eingetauscht). So wird pädagogisch wertvoller Unterricht von mir vorbereitet, natürlcih abgestimmt auf alle persönlichen Bedürfnisse und Schwierigkeiten meiner Kinder, und um 10:30 Uhr fängt die Extra-Class Stunde für die Kinder an, die im Unterricht wieder gar nichts raffen. Da wird dann mit Karten erklärt, Sätze diktiert, Wörter verbessert, zum tausendsten Mal gesagt, dass man im Satz immer klein schreibt, ect. Die Extraclass mache ich im Moment für dritte und achte Klasse.
Von neun bis 12:30 Uhr haben die Kinder in Klassen Instrumentalunterricht, das bedeutet – abgesehen von der Stunde Extraclass – Hängemattenzeit (im Moment Dantes „göttliche Komödie“ und „The Mungus“, ein völlig abgefahrenes Buch eines John Fowl, bei dem ich nicht so richtig durchsteige).
Von eins bis fünf Uhr nachmittags unterrichte ich (nicht durchgehend, ca. 3 Stunden täglich) die dritte Klasse und, wie gesagt, jeden Tag eine der Klassen 6 bis 10. Ich bin übrigens überglücklich nicht die Klassen eins und zwei unterrichten zu müssen – das traurige Los haben Ida und Laura erwischt – denn da macht man seit drei Monaten ABC und Red, Blue and Green und ♫Head and shoulders, knies and toes, knies and toes :||♫. Da würde ich total durchdrehen. Also, wenn ich mal Lehrer werden sollte, einhundert prozentig nicht Grundschullehrer.
Wen es jetzt noch im Detail interessiert: Im Moment ist für die dritte Klasse Präpositionen dran, in, on, under, in front of, behind, beside; dazu hab ich sie heute ein Spiel spielen lassen, wo sie sich zum Nachbarn zu der vorgegebenen Präposition positionieren mussten (also draufsetzen, wenn ich „on“ sage, daneben stellen bei beside).
Für die größeren Klassen mache ich es mir superleicht. Ich nehme mit allen Klassen von 6 bis 10 gerade den Unterschied zwischen Present Progressive und Simple Present durch. Das geht, weil der indische Englischunterricht von Grammatik noch nie etwas gehört hat. Es wird anhand von Geschichten unterrichtet, alles nach Sprachgefühl und weil die meisten Inder eben ein fragwürdiges Sprachgefühl haben, kommt dabei so etwas raus, wie wir es in den Examen gesehen haben: Do you glasses of grandapus on the table to see like? Die Methoden, wie man jemand die Tenses erklärt, variiert natürlich schon etwas.
Um fünf ist eine Stunde Reading Class angesetzt. Vier Kinder müssen mir a 15 Minuten aus einem Buch vorlesen, das sie sich in der „Schulbücherei“ (ja, was wir nicht alles haben; sind allerdings nur zwei Regale) ausleihen können.
Abschließend steht noch das Copywriting an, wobei ich ein paar Kindern einen Satz vorgeben muss, den sie in ein Schönschreibheft ein paar mal übertragen müssen. Das ist natürlich auch ein Witz, dass ich denen zeigen soll, wie man schön schreibt!
Die letzte Aufgabe des Tages besteht im sogenannten Platecheck. Alle Teller befinden sich in zwei Körben und man kriegt erst einen Teller, wenn die Finger mit Seife gewaschen wurden. Das wird von den Platecheckern errochen; so bekommt man jeden Abend 200 Hände ins Gesicht gestreckt. Diese Seife, die hier immer benutzt wird, kann ich auf hundert Meter gegen den Wind riechen.
Nach dem Essen muss dann noch kontrolliert werden, ob auch jeder sein Tellerchen ordentlich wäscht (Asche ersetzt hierbei das Spülmittel und heiße Wasser, was erstaunlich gut funktioniert).
Und ab ungefähr halb neun liegt nur noch die Hängematte an, gemeinsam Obstsalat machen, ein friedliches Nutellatoast als Betthupferl, die Chettai wird ausgerollt und ab in die Heia. Ich schlafe inzwischen auf dem Boden, weil das verglichen mit dem Bett, das nach zwei Monaten eingehender Prüfung aller Schlafstellungen als eindeutig zu klein bezeichnet werden kann, maximal komfortabel ist.

Gute Nacht (schubaratri auf Kannada)


Fahre übrigens wieder in Urlaub, denn hier ist wieder mal Weihnachten. Das ist so praktisch mit so vielen Göttern, da ist ständig Feiertag. Vielleicht sollte man im Christentum... naja...
Dieses Mal gehts nach Hampi; im Lonely Planet steht, man sollte nicht bei Nacht und lleine herummarschieren. Ich glaube das ist Quatsch, das werde ich einfach nicht beachten.
Bis dann