Mein Hood

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Mittwoch, 22. September 2010

Weihnachten Reloaded – die Party geht weiter!


Jeden Freitag, wenn es für mich wieder heißt "Ein Tag ohne Schraz", denn da ist mein einziger freier Tag in der Woche, machen Louis und ich uns auf, Nutella, Chips und Schokolade in Dharward zu kaufen. Louis wollte gleich ins Internetcafé - ich noch nicht – und so ging ich meiner Lieblingsbeschäftigung in Dharward nach: Alleine draufloszulaufen, immer der Nase nach, wohin die nächst Gasse einen führt. Denn das funktioniert immer: jedes Mal wird ein Abenteuer daraus.

Zunächst lief ich den Bazar hinunter, der am Ende in einer Art Slum mit einigen Wellblechhütten auslief (wobei man sagen muss, dass Dharward eine verhältnismäßig reiche Stadt ist, verglichen mit den echten großen Slumstädten wie Bombay oder Kalkutta). Den Slum ging es etwas bergab (das bekannte Zootiergefühl in ständiger Begleitung) und am tiefsten Punkt blickte ich nach oben und sah eine Art Burg zwischen den Hütten herausragen. Ich ließ mir sagen, dass das ein Hindutempel ist. Dort angekommen betrat ich einen recht großen Tempelkomplex, der Hauptgang führte zu einem Gebäude, aus dem ziemlich lauter Männergesang drang. Sonst sah ich absolut niemand.

Als ich in das Gebäude hineinschaute, sah ich ca. 10 Männer, halbnackt, nur mit einer Art Toga bekleidet, um ein Lagerfeuer (im Raum) sitzen und so ein monotones Hindupuja abhalten.

Ich dachte schon, jetzt störe ich die indischen Freimaurer bei einer geheimen Zusamenkunft und wollte schon wieder gehen, als mich einer sah und natürlich, wie alle Inder, völlig außer Rand und Band, einen Weißen zu sehen, baten sie mich, mich dazuzusetzen. Es stellte sich raus, dass das alles Bramanen (die oberste indische Kaste) waren und ich in einer ziemlich bekannten Sanskritschule (Sanskrit ist die indische Ursprache) gelandet war. So hielt ich alleine in einem geräumigen Tempelraum, der durch die Gitterstäbe überall mehr wie ein Wrestlingkäfig anmutete, mein persönliches Bramanen-Ganeshpuja (Ganeshfestival dauert zwischen 10 und 21 Tage) ab. Das sind solche Momente, von denen man weiß, dass sie kein Tourist der Welt haben wird. Dafür lohnt es sich einfach, im indischen Indien zu wohnen.

Nach einer Stunde zeigten mir die Bramanen die ganze, zu dem Zeitpunkt völlig verlassenen Schule (die aber wirklich mehr wie ein Gefängnis aussieht, weil kein einziges Möbelstück drinsteht) und führte mich zuletzt aufs Dach des Schultempels, von wo aus ich einen sagenhaften Blick über ganz Dharward hatte.

Zum Abschluss erhielt ich eine geweihte Banane und sie baten mich, am selben Abend nochmal zu kommen, denn da sei ein weiteres großes Ganeshpuja. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und so kaufte ich selber ein paar Bananen, Blumen und für den Ort recht bekannte Teigbällchen als Opfergaben und ging abends wieder zum Tempel (keine Angst, ich bleibe der Trinität treu; außerdem bräuchte ich ja einen Hindutempel in Potsdam, ich glaube, es gibt keinen). Es war ein erhabenes Gefühl, bei Kerzenlicht mit zwanzig Bramanen, die eine Stunde unentwegt Sanskritverse sangen, diesen kleinen gemütlichen Ganesh-Gottesdienst (aber im Schneidersitz; neeein) zu feiern. Danach wurde wieder prozessiert und der Ganesh ertränkt. Dieses Mal habe ich bei der Prozession so ein Böller aber sowas von hart an den Kopf bekommen, dass ich jetzt ein ordentliches Horn auf der Stirn habe.

Der Abend war noch nicht vorbei, denn um Mitternacht stand noch eine Dancingparty, wieder bei Avinashs (Rektor) Haus auf dem Programm. Da mein Programm aber viel früher aus war, habe ich zwei Stunden mit besoffenen Indern am großen Busstand verbracht.

Die Party begann, ganz europäisch, zu zehnt (wieder alle möglichen Verwandschaftsverflechtungen) mit Vorglühen auf dem Dach des Hauses von Avinashs Bruder. Wir stürzten einen abartig greisligen indischen Wisky, verdünnt mit irgendeiner Fanta, weil man es sonst nicht trinken könne (und das unter erwachsenen Männern... ts, die Inder...) hinunter.

Was weniger europäisch war, war die Tatsache, dass es nur Männer waren. Bei allen Veranstaltungen dieser Art ist niemals eine weibliche Person anwesend, sehr zum Ärgernis aller weiblichen Freiwilligen hier. Der echte Nachteil hieraus sollte sich wenig später herausstellen.

Die Party sah dann folgendermaßen aus: Auf einem Traktor wurde eine circa drei Meter hohe Lautsprecherwand montiert, mit der man die halbe Stadt beschallen konnte. Dieser Traktor fuhr gaaaanz langsam durch die nächtlichen Gassen Dharwards und direkt vor dem Traktor tanzen circa 200 pitschnasse (es hat natürlich geregnet) Inder. Avinash hatte uns vorgewarnt, dass es zu geringfügigen Komplikationen kommen könnte, wenn wir auftauchen, denn wie immer sind wir überall die Hauptatraktion. Hinzukommt das eigenartige Verhältnis der Inder zu Alkohol: Alkohol gibt es in Indien nur in speziellen Liquor-Shops. Und diese Liquor-Shops spielen statusmäßig ungefähr in der Liga von Rotlichtmilieu und Sexshops (wobei ich hier noch nie einen Sexshop gesehen habe). Wenn man hier eine Rum kauft (der noch viel greisliger ist als der Wiskey) dann kriegt man den in einer undurchsichtigen schwarzen Plastiktüte – schlau, denn wenn man eine schwarze Plastiktüte in der Hand hat,weiß natürlich jeder was drin ist - , Bier kosten mehr als Deutschland und schmeckt wie Wasser, und wenn eine Frau in einem solchen Shop einkehrt, dann wird sie sofort als Prostituierte abgestempelt (deswegen müssen die männlichen Volunteers immer die doppelte Menge kaufen; die müssen uns für die Totaljunkies halten). Alkohol ist also völlig verpönt.

Gleichzeitig aber sitzt jeden Abend im Bus mindestens ein völlig betrunkener Inder, der dich eine Stunde lang auf Kannada volllallt und überall gibt’s Werbung für die anonymen Alkoholiker. Das, was die Kultur verbietet, tritt an anderer Stelle wieder in extremer Form zu Tage.

Auf der Party waren jedenfalls die Hälfte der Jungs und Opas ziemlich dicht (ich habe zum ersten Mal einen Inder kotzen sehen). Gepaart mit übermäßiger Aufmerksamkeit uns gegenüber und einem Totalmangel an anzutanzenden weiblichen Personen war das eine ganz schlechte Mischung. Ständig wurden wir von Jung und Alt angetatscht, angetanzt, gezogen, geschubst, bis Avinash seinen Kumpels und Verwandten die Anweisung gab, auf uns besonders Obacht zu geben. Es war fantastisch: Wir hatten unsere eigene, mit uns sich bewegende VIP Area, die uns den besoffenen Pöbel vom Leib hielt.

Der Abend endete mit einem Gemenge zwischen Polizei und Mob, der sich entgegen den Regeln nicht weiterbewegen wollte. Interessant dabei ist, dass in Indien auch der Mob gewinnen kann, denn nach circa einer Stunde Diskutieren ohne Musik hat sich die einfach Polizei verzogen und die Menge johlte. Das ist doch mal Demokratie! Diskutieren scheint hier allgemein einen hohen Stellenwert zu haben, auch beim Volleyballspielen wird immer mehr diskutiert als gespielt. So hat Indien schließlich auch die Unabhängigkeit erlangt, die haben die Engländer einfach rausdiskutiert.

Gute Nacht Deutschland!


Es gibt uebrigens ein paar neue Bilder (wieder auf der Bilderadresse), kommt aber bald ein groesserer Schwung.

Freitag, 17. September 2010

Ein frohes Ganapati euch allen!

16.09.10

Ich dachte schon, diese Woche wäre nichts interessantes zu berichten aber siehe da, plötzlich geht es Schlag auf Schlag.
Das erste der zwei Megaevents war eigentlich ein sehr trauriger Anlass, bei dem Louis und ich aber voll auf unsere Kosten kamen. In unserer Haupthalle steht schon seit ich hier bin ein Schrein mit einem Photo eines blinden Typen, der von allen nur Gurugi (Lehrer + „gi“ als Respektsanhängsel) genannt wurde. Sein eigentlicher Name war Pandit Putaraj Gayai, ein anderer war „Father of Music“ , denn er konnte alle Instrumente übermäßig gut spielen und wird deshalb weit über die Grenzen Karnattakas in ganz Indien fast wie ein Gott verehrt. Fast alle Kinder hier tragen eine Kette mit seinem blinden grinsenden Konterfei drauf um den Hals und viele der Musiklehrer hier hatten bei ihm persönlich Unterricht (was auch die Musiklehrer ziemlich besonders macht; alle Schüler küssen ihnen die Füße, wenn sie den Raum betreten). Der Gurugi jedenfalls ist irgendwas in den hohen Neunzigern sehr arg am Ende seiner Tage.
Am Montag Abend dann kam die Nachricht rein, dass der Zustand des Gurugi, der ohnehin schon so war, dass er unansprechbar im Bett lag, sich plötzlich rasant verschlechtert und er wohl in den nächsten zwei Tagen sterben wird. Für die 18 besten Musiker der Schule hieß das, dass Louis und ich mit ihnen ins drei Stunden entfernte Gadak fahren sollten um ihm dort die letzte Ehre zu erweisen.
Die erste Aufgabe war die Anreise. Avinash, der indische Rektor der Schule, meinte, er hätte einen Bus für uns 20 Personen organisiert, inklusive Fahrer, der uns dort hinbringen und wieder zurückfahren sollte. Der Fehler in der Planung (wobei wahrscheinlich kein Inder hier von Fehler sprechen würde) war nur, dass das Vehikel auf keine Fall ein Bus war, sondern eher ein geräumiger Jeep. Ich musste beim Einsteigen ständig an Tetris denken. Louis, ein Schüler und ich, den Steuernknüppel zwischen den Beinen, saßen vorne, 19 andere Kinder ineinander verknotet und gestapelt hinten. Als wir die Tür zubekommen hatten und wir auf dem Weg von Kalkeri nach Dharward waren, schüttelte der Schüler neben mir den Kopf und meinte, er glaubt, dass es schwierig wird, die zwei Musiklehrer aus Dharward noch reinzubekommen... Es waren nicht zwei, es waren vier. Eigentlich war das physikalisch gar nicht möglich aber in Indien geht alles. 3 Stunden Fahrt...
Wir kamen also im Ort des Gurugi, passierten gefühlt eine Million Polizisten und reihten uns in der Schlange von Gefühlt einer Milliarden Indern ein, die sich durch den ganzen Ort zog.
Ich muss an dieser Stelle noch kurz ausholen. Dharward ist ein ausschließlich indischer Ort ist. Es gibt in dieser Stadt unter einer knappen Millionen Menschen keinen Weißen außer uns 6 Volunteers. Deshalb fühlt man sich bei jedem Ausflug immer ein wenig wie ein Zootier. Inder haben keine Hemmungen, in einer Gruppe von zehn Erwachsenen Männern sich neben dich zu stellen, während du ein Toastbrot kaufst und dich auf einen halben Meter unentwegt anzustarren. Ich find das immer ziemlich lustig aber bei den weiblichen Volunteers stößt das mehr auf Unverständnis, wohl aber auch, weil die Blicke meist anderer Art sind.
Wir waren es jedenfalls gewohnt, etwas „Besonderes“ zu sein aber das, was in Gadak los war, hatte eine andere Dimension. Da das Event nationale Tragweite hatte, waren zig TV Sender mit Sendewagen angereist und es wimmelte von Reportern. Als wir dann in der Schlange in der Nähe des Haus des Gurugi auftauchten, wurden Louis und ich plötzlich von Kameras bestürmt und uns wurden ständig Mikros unter die Nase gehalten. Ja, wir stahlen dem guten Gurugi eine Zeitlang die Show. Indische Interviews basieren aber nicht auf Fragen, sondern man muss einfach nur was sagen. Da wir das erste Interview grandios in den Sand gesetzt hatte, wurden wir schnell von Dulu, einem der älteren Schüler, gebrieft: Erstens, sagen wo wir herkommen, zweitens die Schule erwähnen und, was besonders gut käme, zu sagen, we came here to pray for Putarajs health.
Es hat alles super geklappt bis auf den letzten Part: We came here to pray for the health of …. of... the guy's health. Da hatte ich doch vor dem größten karnattakischen TV Sender, Chanel 9, den Namen des überall bekannten Halbgottes vergessen. Ich habe keine Ahnung, ob das gesendet wurde, ich hoffe jedenfalls nicht.
Nach 2 Stunden Schlange stehen, sah die Audienz dann folgendermaßen aus: Man hatte genau eine Sekunde Zeit, einen Mann mit Beatmungsmaschine durch ein 50x50cm großes vergittertes Fenster zu sehen, bevor man von 10 Polizisten weg geschubst wurde.
Da hatten sich doch 6 Stunden Flüchtlingsbus gelohnt. Zum Abschluss gab es ein vom Gurugi spendiertes kostenloses Mittagessen für alle - eine Art Prä-Leichenschmaus - bevor es schließlich nach Hause ging.
Tja, und am Tag darauf kam meine dritte Klasse mit einer Zeitung auf mich zugerannt, in der ich groß mit Bild abgebildet bin mit der Bildunterschrift: „Sogar aus Berlin, Deutschland, kam Fabian Hafner angereist, um dem Gurugi die letzte Ehre zu erweisen“. Da hat der Reporter meinen langen Ausführungen über meine Lehrtätigkeit in Kalkeri wohl nicht ganz folgen können.

Nun noch kurz über das zweite Großevent, das in dieser Woche stattfand. Im Moment befinden wir uns alle, ja, das wisst ihr natürlich nicht, in der Weihnachtszeit der Hindus. Ein fröhliches Ganapati euch allen! Die Feiertage um den Gott Ganesha (der Gott mit dem Elefantenkopf für die ganzen Heiden daheim) sind eine der wichtigsten im Hindukalender. „Is like Christmas in your counrty“, meinte mein kleiner muslimischer Lieblingsstreber Sohil (ich dachte immer, Lehrer hassen Schleimer, aber es geht doch nichts über einen immer grinsenden, deine Tasche tragenden Einserschüler, der besser Englisch spricht als alle anderen und kamaradenschweinisch die anderen verpfeift, wenn sie die Hausaufgaben nicht gemacht haben – ein kleiner Schatz, dieser Junge). Letzten Sonntag wurde in jedes Haus eine Ganeshfigur aus Gips hineinprozessiert (je nach Vermögen fällt die Figur größer oder kleiner aus), ein langes Puja (Gebet) gehalten und am Mittwoch wurden die Figuren feierlich in den nächsten See, Fluss oder Brunnen geworfen. Die feierliche Atmosphäre sollte man aber nicht mit unserer weihnachtlichen Gediegenheit vergleichen, sondern mehr mit Silvester. Avinash, der Rektor, hat Louis, Pierre und mich in sein Haus in Dharwad eingeladen (die Mädchen nicht, weil es zu gefährlich sei; siehe unten), um dort mit seiner Megafamilie (es waren mindestens 30 Cousins, Schwestern, Aunties, Schwager und sonstige Verwandschaftsbeziehungen, die es in Deutschland glaube ich gar nicht gibt) Ganapati zu feiern. Es gab erst was zu essen, nein, leider keine Weihnachtsgans sondern... ja, Reis halt und dann ging die Prozession los. Besonders hervorzuheben ist der finanzielle Aufwand, der hierbei betrieben wird. Hier wird nicht in Geschenke investiert, sondern in Böller. Avinashs Familie hat insgesamt 30000 Rs in Böller investiert: Es war Krieg in den Gassen Dharwards, das kann sich keiner vorstellen! Keine langweilige EU geprüften, mit dem EC-Zeichen versehenen Kracher, sondern echte Sprengsätze werden da geworfen. Auf der Hinfahrt hat mich Avinash gefragt, ob ich was Brandfestes anhätte; da wurde mir schon etwas mulmig. Man stand im Pulverqualm und hat die eigene Hand vor den Augen nicht mehr gesehen. Vor dir, hinter dir, zu deinen Füßen kracht es, zwischendrin rauscht ein Motorrad durch die kleine Gasse, mitten durch die Feiergesellschaft. Wir überlebten alle mit einem ordentlichen Tinitus. Es war das abgefahrendste Weihnachts-Silvester bei 25°C, das ich je erlebt habe und sicher auch erleben werde.
Der Ganesh wurde ertränkt mit dem ausgerufenen Ritus „Ganpatibabaaaa“ (worauf alle „Moorja“ schreien müssen), dann gabs wieder was zu essen und um halb zwei (enorm spät für indische Verhältnisse) ging es dann in die Heia. Aber Ganapati ist noch nicht vorbei, juhu. Freitag geht es weiter mit einem dicken Danceparty, wieder bei Avinashs Familie. Und die soll erst um Mitternacht losgehen.


Grüße aus dem Dschungelcamp und genießt eure Feiertage!

Freitag, 10. September 2010

Musik

Heute möchte ich ein wenig über Musik sprechen. Es ist zwar viel zu früh, etwas inhaltliches über indische Musik zu erzählen, aber da ich ja in einer Musikschule arbeite, ist es an der Zeit, wenigstens ein paar Worte darüber zu verlieren.

Alle Schüler müssen von der ersten Klasse an in den Gesangsunterricht und bei genügend Interesse und Begabung soll dann später ein Instrument dazukommen. Unterrichtet wird hier Sitar (kennt denke ich jeder), Tabla (zwei kleine Trommeln), Chennai (die schon erwähnte nervige indische Oboe), Basuri Flöte (Bambusflöte), Geige, und Harmonium (eine Art tragbare Paarung von Klavier und Akkordeon) und geübt wird jeden Tag von 6 Uhr bis 11:30 Uhr, danach gibt’s Academic-Unterricht.

In Dharward befindet sich ein staatliches College, dessen Direktor ein Mitgründer unserer Schule in Kalkeri ist. Da Dharward für klassische Hindustani-Musik ziemlich bekannt ist, treten unter anderem in diesem besagten College Klassik Stars aus ganz Indien auf.

Am Sonntag gab es so ein Programm (eine sehr bekannte Sängerin sollte auftreten), zu dem Laura und ich mit 13 Kindern nach Dharward fahren sollten. Es reicht in dieser Stadt schon, sich alleine nicht über den Haufen fahren zu lassen aber mit so einer Truppe Kindern bekommt das gleich eine ganz andere Dimension. Weder Laura noch ich kannten den Weg von der Busstation zum College, also mussten wir uns auch noch führen lassen.

Das Konzert sah folgendermaßen aus: Hinten auf dem ca. 3x3 Meter großen Podest sitzen zwei, die soetwas wie eine Riesengitarre senkrecht auf dem Boden stehen haben. Diese Riesengitarren haben vier Seiten, die immer nacheinander in der gleichen Reihenfolge gezupft werden und den Klangteppich bilden, der für das „typisch indische“ sorgt. Das scheint wahrlich nicht das schwerste Instrument zu sein, vielleicht sollte ich einfach Riesengitarre lernen.

Dann gibt’s das Harmonium, das immer mit dem Gesang gekoppelt ist, einen Tablaspieler und das Hauptinstrument in der Mitte, in dem Fall die Sängerin.

Am Anfang waren nur die Riesengitarren und das Harmonium dabei. Nach circa fünf Minuten setzt die Sängerin ein, ganz langsam, die Melodie immer nur auf „a“.

Nach weiteren 10 Minuten kommt die Tabla dazu und im Laufe der nächsten drei Stunden wird es immer schneller. Ja, drei Stunden, und eigentlich noch länger, wir mussten nur früher gehen, weil der letzte Bus nach Kalkeri schon um halb zehn ging.

Drei Stunden auf „aaaaaa“, mal hoch, mal tief, mal schnell, mal langsam. Nach den ersten zwanzig Minuten kam mir Opas Lieblingsstatement zu allem, was nicht der Klassik entspringt, in den Sinn: „Also, wenn ma an Mozart und an Beethoven hat, dann braucht ma doch sowas ned!“ Dieser Satz schwirrte auch noch nach weiteren 20 Minuten noch in meinem Kopf herum und er gewann nach weiteren zwei Stunden für mich immer mehr an Bedeutung.

Nein, die Beschreibung ist etwas übertrieben. Es hat mir, zum eigenen Erstaunen, wirklich nicht schlecht gefallen. Indische Musik hat zwar irgendwie was von Free Jazz, denn da versteh ich genauso wenig, aber da sie ziemlich stark darauf basiert, dass ein Raga (eine Art Teilstruktur, Motiv, das ziemlich genauen Regeln entspricht, letztendlich aber immer frei improvisiert wird) ziemlich oft in modulierter Form wiederholt wird, findet man immer wieder Bekanntes beim Hören, was wohl der erste Schritt zum Verständnis ist. Und wenn man überlegt, wie lange man braucht, um ein wohlwollendes Ohr zur europäischen Klassik zu finden (Tobi wird es glaube ich nie schaffen ;-D), muss man sich hier auch einige Zeit nehmen, sich in hindustani Musik einzufinden. Nur, ob das dann irgendwann ein Beethoven wird, bleibt die Frage. Für die Inder jedenfalls scheint es das zu sein. Es war so lustig, bei dem Konzert durch die Reihen zu schauen und den betagten Indern (auch indische klassische Musik scheint das Problem von desinteressierten jüngeren Menschen zu haben) beim Zuhören zuzusehen. Die ganze Reihe wackelt synchron mit dem Kopf, eine Art „nein“ Gestik oder als ob sie sagen wollten „das ist so gut, es ist nicht zu fassen (*Kopfschüttel*)“. Ganz wichtig sind dabei die ausladenden Bewegungen mit dem Arm, besonders am Ende jedes Ragas und das im Takt mit der Hand auf den Oberschenkel klatschen.

Was mich an der Darbietung aber ehrlich völlig vom Hocker gerissen hat und weshalb ich auch immer besonders Laut geklatscht habe - sehr zur Empörung meiner verhaltenen Nachbarn -, war die sagenhafte Leistung, 3 Stunden ohne Sitzkorrektur regungslos im Schneidersitz zu sitzen. Mir brennen schon nach 10 Minuten Mittagessen im Schneidersitz derartig die Oberschenkel, dass ich mir nicht erklären kann, wie so etwas möglich ist. (Ich habe übrigens beschlossen, ich kauf mir in Dharward einen Stuhl, weil ich diese Auf-dem-Boden-Sitzerei so satt habe; das ist doch keine Art, diese masochistische Selbstkasteiung...)

Der letzte Beitrag zur Musik: Ich habe gestern meine Klarinette zum Üben ausgepackt und da wurde mir schon etwas schlecht. ALLE meine Blätter sind mit einem Pilzfilm übergeben, der weder schön anzusehen ist noch gut riecht. Aber was soll man machen, das ist Indien. Abwischen, Augen zu und durch. Der Monsun geht circa noch einen Monat, dann ist dieser ganze Müll endlich vorbei und dann wird es angenehme 45° C haben. Juhu!

Soweit, mir geht es gut, ganz im Gegensatz zu Ida (drei Tage leichtes Fieber mit mäßigem Durchfall) und Laura (seit vorgestern starkes Fieber mit ordentlichem Fieber) und alles schimmelt wie gewohnt vor sich hin.


Grüße vom anus mundi,

Fabian



P.S. Gottesdienst in Indien ist übrigens genauso wie bei uns. Nur, dass die hier total absolut rattenschafte rote Leuchtbänder über den erbarmungslos kitschigen Altargemälden haben. Das hat so was vom Religion Adventure Park von Ned Flanders. Aber sie singen weitaus stimmungsvollere Lieder als unsere Schlaflieder!


P.P.S. Mein Handy funktioniert nicht mehr, wegen irgendwelchen Schwierigkeiten bei der Beantragung haben sie mir die SIM gesperrt. Wer sich über übertriebene Bürokratie in Deutschland aufregt der muss mal nach Indien fahren. Das ist einfach der Hammer, solche Flachzangen...


Freitag, 3. September 2010

Das schöne Indien

31.08.10


Nachdem meine letzten Einträge so manche Bestürzung hervorgerufen haben, werde ich dieses Mal nur die positiven Dinge erzählen, das schöne Indien neben schimmelnden Bettdecken.
Indien ist ein schönes Land. Zuerst einmal werde ich wahrscheinlich nie wieder an einem Ort leben, in dem man Farben intensiver erlebt als hier. Begonnen bei den Klamotten, die absolut fantastisch anmuten, wenn 30 Kinder auf einem brauen, matschigen Parkplatz beim Fangen-Spielen in rot, lila, gelb, blau, und alles was die Palette zu bieten hat herumwuseln. Dagegen die irren Grüntöne in der Umgebung. Im Moment ist nämlich alles grün. Es gibt hier keinen gelben Weizen oder neon Rapsfelder sondern nur grünen Reis, grünes Zuckerrohr, grünen Reis, grünen Dschungel, grüne Seen und... hatte ich grünen Reis schon? Reis ist einfach überall. Aber es bedarf hierfür einfach nur einer Umstellung. So wie wir Brot in rauen Mengen essen, isst man hier eben Reis. Es dauert ein bisschen aber dann ist das ganz normal und man entwickelt sogar wieder Appetit; ein mir für zwei Wochen unbekanntes Gefühl.
Gestern hatte Barbara, die Volunteers-Supervisorin, die sich vor vier Jahren entschlossen hat, hierzubleiben, Geburtstag. Geburtstag wird hier aber andersherum gefeiert: Das Geburtstagskind kriegt zwar keine Geschenke, dafür muss es aber allen einen ausgeben. Super Fest, oder? Da freut man sich doch wirklich auf diesen Tag. In diesem Fall gab sie keinen aus, sondern hat ein Chicken-Abendessen für die Schule spendiert. Sonst gibt’s hier nämlich nur vegetarisch (was echt in Ordnung geht, irgendwann fällt das nicht mehr auf), denn erstens gibt’s viele, die aus religiösen Gründen überhaupt kein Fleisch essen, zweitens kann sich die Schule es einfach nicht leisten; man ist froh, wenn das Geld für den Reis reicht. Jedenfalls war das echt ein Event: Ersteinmal mussten einige Hühner aus Dharward herangekarrt werden, die wurden unter krachendem Lärm den ganzen Tag über von Soamigi (unserem Koch) zerteilt wurden, und am Abend konnte es dann wirklich keiner mehr erwarten. Da die Volunteers abends aber immer nach den Kindern essen, hat es sich für uns am Ende noch zur Folter entwickelt. Tja, so lernt man Fleisch wirklich wertschätzen.
Dann gibt es noch eine kurze Anekdote: Am Samstag war ich zum ersten Mal allein in Dharward unterwegs, einfach mal um zu schauen, was die Stadt so zu bieten hat. Als guter Kirchgänger war die Kirche, die es in Dharward geben soll, natürlich mein erstes Ziel... naja, vielleicht nicht mein erstes, aber eins meiner Ziele eben. Gesucht, gefunden. Die einzige Frau in der Kirche, ich behaupte mal, es war die Pastorin, ist direkt erschrocken, hier einen weißen Touristen zu sehen, weil in Dharward kein einziger Weißer wohnt und schon gar kein Tourist. Jedenfalls wurde ich darauf gleich in Indien-typischer Manier von fünf anderen Leuten begrüßt, die von überall angelaufen kamen. Die erklärten mir dann, dass es hier nur einen Kannad-Service, also einen Lokalsprachen-Gottesdienst, gäbe. Ich solle doch zur anderen Kirche gehen, dort gäbe es einen englischen Gottesdienst. Beide Kirchen gehören zur Basel Mission School, einer 1880 gegründete christlichen Missionsschule in Dharward. Um zur anderen Kirche zu gelangen, musste ich erst quer durch die Stadt und dann über einen Schulhof. Am Schultor empfingen mich schon 10 Schüler: „Hello, Sir“, „America?“, „What's your name?“, „What's your fathers name?“ (gaaaaanz wichtige Frage hier; das kommt immer; also Dädi, hier weiß die halbe Stadt, wie du heißt und was du arbeitest; Mama, bei dir wissen es leider nicht ganz so viele, aber ab und zu kommt die Frage schon) „What do you do here?“ ect.
Jedenfalls sei die Kirche gerade geschlossen aber ich solle doch zu dem Typen auf der anderen Seite des Schulhofes gehen. Und das mutet für jeden Europäer nun wirklich komisch an: Da steht ein indischer Hühne, voll in Militäruniform, und drillt gerade eine Gruppe von ungefähr 30 Jungs und Mädchen – ich schätze, neunte Klasse, auch alle in Uniform. Mir wurde erklärt, dass dieser Unterricht der NCC ist (vergessen, wofür das steht) und so etwas wie eine Armee-AG in der Schule darstellt, um ein bisschen Interesse für die indische Armee zu wecken. Missionsschule! Tststs.
Jedenfalls bin ich zu diesem Pseudo- Oberstleutnant gegangen (der in Echt eigentlich nur Englisch und Erdkundelehrer ist aber Nachmittags immer ein bisschen Krieg spielen darf) und habe ihn nach dem Gottesdienst gefragt. „Immer Sonntags 8:30 Uhr? Deutschland, ja? Hey, Kinder, wir haben hier jemand aus Deutschland. Alle auf eure Plätze, ihr könnt jetzt unseren Gast fragen, wie die Armee in Deutschland funktioniert. Du, bring ihm einen Chai, du, steck dein Hemd in die Hose und du, bin dir die Schuhe“
Da stand ich nun vor diesen 30... naja, Kriegs AG-lern, Jungs und Mädchen sauber getrennt in Reihen sitzend und sollte ihnen was über die deutsche Armee erzählen. So stellte ich, voll beladen mit drei Einkaufstüten voll Chips und Schokolade, den Fotoapparat noch ordentlich touristisch um den Hals gehangen, erst einmal klar, dass ich keine Ahnung von der deutschen Armee hätte, sie aber gerne alles andere über Deutschland fragen können.
Darauf folgte dann die obligatorische Frage, wie ich denn Hitler fände (in Bangalore hatten wir schon einen Straßenstand mit Büchern entdeckt, bei dem sich „Mein Kampf“ irgendwie zwischen die Shakespeare-Klassiker verirrt hatte; der Händler meinte, er würde es billiger für uns machen, da wir aus Deutschland kämen). So beantwortete ich eine halbe Stunde Fragen , bis wir am Ende bei „Wer ist dein Lieblings-Bollywoodschauspieler?“ angelangt waren, was ich zum Glück mit dem einzig mir bekannten Schauspieler „Sharuk Khan“ beantworten konnte.
Es war ein Heidenspaß, ich hatte jede Menge Lacher auf meiner Seite und es war wirklich ein Supertag. Ach ja, und am Sonntag werde ich mal abchecken, ob die Inder auch alles richtig machen im Gottesdienst.
Jetzt doch noch ein ganz kleines Schmankerl zum Ende, weil das gerade eben passiert ist. Circa einen Meter vor unserer Terrasse, auf unserem Zähneputzplatz, ist gerade eine zwei Meter lange braune Kobra vorbei gekrochen. Das ist nun sogar für Inder außerordentlich, denn letztes Mal, vor zwei Monaten war das, ist die Volunteers- Haushälterin Kamlagi (ja, man kann auch im Dschungel Luxus genießen; kein Wäschewaschen, kein Geschirrspülen, kein Rauskehren) angeblich völlig außer sich runter in die Küche gerannt, worauf die ganze Lehrerschaft angelaufen kam und eine halbe Stunde die Schlange unter unserm Haus herausbefördern wollte. Diesmal was es nicht ganz so spektakulär; die Schlange hat sich nach einer Minute irgendwo in den Dschungel hinter unserem Haus verzupft und das wars dann. Aber rein theoretisch, wenn man gebissen wird, ist man nach ca. einer Minute tot. Doch, das Jahr könnte sogar im Dschungel echt noch aufregend werden.

Ich habe nun übrigens auch ein Handy mit der Nummer 0091 9740165918. Es soll ganz viele Billigvorwahlen für Indien geben, also wer mich sprechen will, der kann gerne mal nachschauen und hier rüberklingeln. Ich freue mich über jede Regung aus der Heimat., noch ist mein Stundenplan mäßig voll.
Und es gibt jetzt Bilder auf:

http://picasaweb.google.com/fabian.hafner/Indien1008209#

Liebe Grüße,
Fabian