Mein Hood

Mein Hood

Donnerstag, 28. Juli 2011

Der letzte Eintrag

Zwölf Stunden und das wars dann. Hier versucht man dem indischen Officer zu erklären, dass die orginale Residence Permit blöder Weise schon im Festgepäck eingecheckt ist und da grüßt man den deutschen Zoll mit einem freundlichen „Guten Tag“. Plötzlich war der Spuk zu Ende. Ein Jahr gegessen. Zwölf Stunden Flug drehen zwölf Monate einfach zurück, als ob nichts gewesen wäre. Der Eindruck fürs Erste jedenfalls.

Die ersten Tage fühlten sich so an, als ob ich genau da weitermachte, wo ich vor einem Jahr aufgehört hatte. Ich wurde vom welcome commitee der Familie vom Flughafen abgeholt und zuhause standen diverse wirklich überraschende Überraschungsgäste mit Grillwürschteln und einer Menge Bier Gewehr bei Fuß. Arzttermine folgten um meinem gereiztem Darm Herr zu werden, was soweit überraschend gut gelang. Bekannte und Freunde wurden besucht, ich bekam die lange ersehnten Spaghetti Putanesca zwischen die Zähne. Es passierte soviel um meine Ankunft herum, dass ich tagelang gar nicht wirklich ankam.

Das Leben zuhause musste ich wieder neu erlernen, was jedoch alles andere als schwer fiel – Erkenntnis Nummer eins: Unser Leben lebt sich so einfach, dass man sich nirgends im Alltag in irgendeiner Form anstrengen müsste. Durst, Händewaschen, Zähneputzen – Wasserhahn an, statt den Kanister am Tank befüllen und wieder zurück schleppen. Hunger – in den aus allen Nähten platzenden Kühlschrank greifen, die Mikrowelle anschmeißen oder notfalls das Ceranfeld bedienen. Anstatt der täglichen Malzeit aus Bananen und Parle G Keksen. Druck auf der Blase – mit der Zeitung aufs Sitzklo, statt sich über die stinkende und nasse Schüssel der Volunteers zu kauern. Die Liste lässt sich endlos erweitern: Keine Lust auf andere Menschen – ich mache die Tür zu und höre und sehe niemanden mehr. Ich brauche Internet – ich gehe ins Internet, und zwar wann immer ich will. Ich bewege mich mit Auto und Roller fort, ich schrubbe mich mit drei verschiedenen Shampoos, ich lebe meinen Drang aus, die Klobrille vor Sauberkeit ab zu lecken, ich inhaliere den Duft von Waschmittel in meinen Klamotten und verbringe Stunden damit, sinnlos auf der Riesencouch durch 324 Sender zu zappen.

Doch gleich darauf folgt Erkenntnis Nummer zwei: Gelüste, Wünsche, Träume, angesammelt in 364 Tagen, können sich in drei Tagen in Luft auflösen. Ich bin wieder drin, in der anderen Normalität, so schnell, dass ich kaum schauen konnte. Über Fragen nach Sinn und Grund unserer Lebensweise macht man sich die ersten 48 ernsthaft Gedanken, dann gibt man entsetzt auf, da es einfach zu viele Gedanken sind. Man gar nicht weiß, wo man hindenken soll. Und je länger man hier ist, desto schwieriger wird es, die letzten Zwölf Monate unter einen Hut zu bringen. Ein Dauerreiz an Fremdem, Ungewohntem und Besonderem geht von 100 auf 0 zurück – von einem auf den anderen Tag. Je mehr Zeit hier vergeht, desto mehr türmt sich alles zu einem riesigen Haufen an Emotionen und Erlebnissen auf, die kaum in Worte zu fassen sind.

Aber die Zeit wird ein paar Antworten bringen – so hoffe ich jedenfalls. Es stehen noch ein paar Urlaube und Besuche an, bevor ich auch das weltwärts-Programm des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (oder den unter Volunteers so genannten "Niebel-Urlaub") mit einem letzten Rückkehrer-Seminar Ende August abschließe.

Da dies wohl mein letzter Blog sein wird, möchte ich mich hier bei allen bedanken, die fleißig mitgelesen haben. Es hat mir selbst wahnsinnigen Spaß gemacht, mein Jahr ein kleiner Form auf Papier zu bringen. Die an manchen Stellen etwas fehlende Feinfühligkeit Land und Leuten gegenüber darf bitte unter keinsten Umständen ernst genommen werden. Dieser Hinweis zu meinem teilweise etwas übertriebenen Sarkasmus kommt zwar ein bisschen zu spät, doch wollte ich es in der Form deutlich machen und nehme das vielleicht gleichzeitig als Ergebnis meiner Erfahrungen: Indien ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Leuten. Indien hat so viel Schönes (sehr viel ist dort weitaus schöner als bei uns). Doch einen Inder und einen Europäer könnte nicht mehr trennen – was diese Kultur auch wunderbar kompliziert macht. Den Kern indischer Kultur zu verstehen, dafür reicht kein Jahr, dafür reichen wahrscheinlich auch nicht fünf Jahre. Vielleicht kann man sie letztendlich auch nur aus der Vogelperspektive betrachten und als Außenstehender gar nicht wirklich Teil davon werden. Aber die Tatsache, dass es überhaupt eine andere Kultur gibt, die unserer so verschieden ist und doch ganz genauso richtig und wahr ist wie die unsere, ist eine Erkenntnis, die mir genügt. Hat man das einmal akzeptiert, dann kommen einem die Menschen dort nur noch halb so fremd und unbekannt vor und man kann sich tiefer hinein stürzen.

Abschlussabend im Majur Hotel


Die gesamte Freiwilligen-Mannschaft

Die Rotznasen beim Abschied

Sohil

Dienstag, 5. Juli 2011

Bald bald...

03.07.10

Im Moment liege ich auf meiner Pritsche im Nachtzug von Bangalore nach Dharwad. Es ist zwölf Uhr, man hört nur den quietschenden Expresszug, der mit 50 km/h Maximalgeschwindigkeit dahin rattert. Alle anderen schlafen. Frederik und Ida schnarchen in den Pritschen über mir, ein fetter Mann gegenüber grunzt ungesund. Der atemraubende Gestank vom völlig verseuchten Zugklo ohne Türe dringt die zwei Meter ungefiltert ins Abteil. Und ein etwas melancholisches Ende im Film „Donnie Brasco“ hat mich nun in die Laune versetzt, zum ersten Mal wirklich dem Ende entgegen zu denken.

Am letzten Tag des End Year Camps unserer Organisation wurde es offiziell. Das Jahr ist vorüber. Für mich sind es jetzt noch genau 16 Tage. Zwei von circa 50 Wochen, bis ich meinem hiesigem Leben den Rücken kehren und wieder in die andere Normalität zurückkehren werde. „Normal“ war für mich immer ein relativ fest stehender Begriff. Etwas, das zu mir gehört, das nicht besonders ist, hätte ich als normal bezeichnet. Der Regionalexpress war normal. Radelnd ins Orchester fahren war normal. Das von Mama gekochte Essen nach der Schule in der Mirkowelle aufzuwärmen war normal. Fischsuppe mit Reis in der Sushibar. Und Desperate Housewifes am Donnerstag Abend war auch normal.

In dieses Jahr zu gehen, war nicht normal. Überhaupt nichts war darin vertraut. Man fing im Grunde von ganz vorne an. Alles Alte war unbrauchbar: Sprache, Kultur, Mentalität, Abläufe, Geschmack. Und natürlich vermisste ich alles gewohnt Normale. Spaghetti Putanesca, die bekannten Gesichter von überall oder einfach nur Vollkornbrot am Abendbrottisch. Besonders anfangs waren Reis oder ständiger Schimmel im Zimmer ohne Privatsphäre Dinge, die mich schnell erkennen ließen, dass sich gerade ziemlich viel auf einmal verändert hatte. Und es dauerte und dauerte bis ich mich abgefunden hatte. Es überdauerte den tausendmal wiederkehrenden Gedanken, wie es denn anders und besser sein hätte können, tausende „be quiet and sit down“, tausende Liter an Durchfall. Es mussten tausend Stunden Stromausfall, Regengüsse und tausend Portionen Reis vergehen, bis ich irgendwann feststellte, dass plötzlich alles wieder normal war. Unzählige Momente, in denen man dachte, dass man sich jetzt wirklich eingefunden hat in Land und Kultur, nur um eine Monat später festzustellen, dass man sich jetzt erst wirklich eingelebt hat. Und nun steht man da und sagt sich nach 11 Monaten, dass jetzt eigentlich erst der Zeitpunkt ist, an dem man wirklich eingelebt ist.

Normal sind ganz andere Dinge geworden: Einfach ein Taxi zum nächsten Supermarkt nehmen oder zweimal die Woche im besten Restaurant der Stadt einchecken. Sich mit unserer Wäsche- und Putzdame auf Hindi zu unterhalten und nicht auszurasten, wenn jemand ein vereinbartes Treffen eine Stunde später antritt oder gar nicht kommt. Man hat die Gesten aufgesogen (mit dem Kopf ein deutsches „naja“ wackeln, was ein indisches „auf jeden Fall“ ist), man reagiert voll entgeistert auf zu spärlich bekleidete Mädchen und würde nie über einen auf dem Boden stehenden Teller laufen. Ich rülpse, ich rotze und ich schmatze. Ich gehe ohne mit der Wimper zu zucken auf ein Klo, das bis oben hin mit Würsten gefüllt ist. Ohnehin belaufen sich 30% meiner Gesprächsthemen auf Fäkalien. Ich habe meine Menge an Plastik- oder Papiermüll auf ein Minimum reduziert. Fahrradfahren habe ich wahrscheinlich verlernt, dafür kann ich Motorradfahren – ohne Helm.

Mir geht Indien, die Kultur und die Menschen auf den Zeiger wie eh und je, gleichzeitig weiß ich nicht, wie es ohne werden soll. Es wird ernst und ich werde mich auf einen äußerst harten Abschied gefasst machen müssen.


Montag, 6. Juni 2011

Varanasi

Man stelle sich ein Stück Land vor. Mit einem Fluss, in dem regelmäßig Leichen vorbeitreiben und daneben die Familie Sayad bei Sonnenaufgang ihr Morgenbad bewältigt. Eine Stadt, mit Häusern so eng, dass man den Himmel kaum mehr sieht. Gassen, die so schmal sind, dass, wenn eine Kuh dazwischen steht, die Leute sich gerade links und rechts vorbei drücken können. Und, gepflastert mit Kuhscheiße überall, man aufpassen muss, wo man hintritt. Eine Stadt, in der sich gefühlt gleich viele Bettler aufhalten, wie Erwerbstätige. In der man keine Sekunde alleine sein kann. Die alle Paradoxa enthält, die ich die letzten 9 Monate entdecken konnte. Eine Stadt, die gleichzeitig so nervtötend wie faszinierend ist. Die älteste bewohnte Stadt der Welt: Varanasi!

Ich bin nun wirklich in Indien angekommen. Indischer lässt es sich nicht denken. Alles was Indien an Sonderbarem, an „Nicht-Normalem“ zu bieten hat, gipfelt hier. Es ist so hektisch, dass einem selbst gar nicht auffällt, wenn man planlos stundenlang durch die Gassen rennt. Und schließlich vollkommen fertig im Hotel ankommt, vor Hitze am Zusammenbrechen. Man lehnt sich auf seinem Bett an die Hotelwand und es fühlt sich an – ohne Witz – wie eine Dampfsauna mit heißem Stein im Rücken. Man will sich die Haare von der Stirn streichen (ich habe sie mir alle gleich mal auf 3mm abrasiert) und merkt, dass es nur Schweißtropfen sind.

Es ist so voll und anstrengend durch die Straßen zu ziehen, dass man sich zweimal überlegt, ob man sich aus dem 2m² Ventilatorradius seines Zimmers wegbewegen soll. Man ist froh, wenn man in der nächsten Ventilatorzone des Restaurants angekommen ist. Nun sind aber die Minuten von Hotel zu Restaurant äußerst prekär (besonders, wenn sie an den Ghats des Ganges verlaufen), denn man sieht sich ständig mit drei Sätzen konfrontiert, die es gilt, ohne Wutausbruch zu beantworten:

a) Want Hash, my friend? I have very good Hash! I make good price for you.

b) Want cheep room? Is very good room!

c) Brother, want boat? Is very cheep boat!

Frauen erzählen meist noch von einer Variante, die ich natürlich nicht zu hören bekam:

d) Hey, want Sex? (der genaue Wortlaut, nach der Erzählung einer Amerikanerin in Nepal, war: Hey, actually I'm a Gigolo. But for you I make it for free.)

Die ersten zwei Tage reagiert man noch mit Sätzen: „Sehe ich aus, als ob ich ein Boot brauche?“ Oder man versucht ihm zu erklären, dass man ja eigentlich Nichtraucher sei, er sich sein Hash, Opium und Koks also sonst wohin stecken könne. Aber spätestens ab dem dritten Tag reagiert man einfach gar nicht mehr. Und auch wenn er dir zehn Mal „Friend“ und „Brother“ hinterher ruft, man dreht sich nicht um. Sehr wichtig ist auch, keinen Blickkontakt mit irgendeinem Inder aufzunehmen, der nach Fährmann, Händler oder Drogendealer aussieht (wobei eigentlich an nichts erkennbar, wobei wiederum es ohnehin fast alle sind). Denn damit hat man das einseitige Verkaufsgespräch im Grunde selbst eröffnet und es folgt ein: „Yes Sir, please, have a look, I have very cheep blablabala.“

Die eigentliche Ruhe und Spiritualität, die Varanasi zu bieten hätte, ist somit für einen weißen Touristen fast gestorben. Ich habe mir eines Tages die Mühe gemacht und bin um 5 Uhr aufgestanden um die im Lonely Planet so empfohlene Sunrise Boattour zu machen. Als ich mich dann zum Ganges geschleppt hatte, war ich so nicht imstande, geduldig über den Preis des Bootes zu verhandeln (war nämlich kein cheap boat), dass ich mich entnervt auf die Treppen gesetzt habe und mir einfach die ganze Szenerie einmal angesehen habe. Und da geschah das Unglaubliche: Ich wurde sicherlich für eine ganze Stunde nicht angequatscht. Niemand wollte Boat oder Hash loswerden. Vielleicht besitzen die Leute ja doch so einen gewissen Restanstand, Touristen am heiligsten Ort nicht konsequent zu quälen. Zufrieden ging ich danach wieder zurück ins Bett.

Amüsant war auch, so Manches aus dem Blickwinkel zu betrachten, der dem eines Touristen entspricht, aber manchmal doch auch wieder nicht. Zum Beispiel bieten viele Restaurants eine „Abend Live Show“ an. Man kann sich in das überteuerte Restaurant hineinsetzen und bekam ein klassisches indisches Konzert zu hören. Sitar und Tabla. Ich freute mich inwendig, meinem Tischnachbarn (ein Ungar, mit dem ich mir mein Zimmer teilte) mitteilen zu können, das dort oben der allergrößte Gradler saß. Das war geradezu peinlich, wie die beiden da herum manövrierten. Und Tag für Tag füllen die zwei das Restaurant mit Touristen, die auch für orientalische Klänge ganz offen sind.

Am 25. war mein großer Tag gekommen und es ging daran, meinen Geburtstag nicht alleine in Varanasi zu verbringen. Ich ergriff also die Instant-Friend Action Plan und lud einfach alle Leute ein, die man beim Essen, beim.... ja, hauptsächlich beim Essen trifft. So ging doch eine kleines Geburtstagsgathering zusammen, das wir zu zehnt in meiner Lodge feierten (eine völlig abgefahrene Villa im Kolonialstil im versifftesten Hinterhof Varanasis. Total heruntergekommen, aber mit einem Charme, dass ich mir geschworen habe, dass ich im Falle, ich werde Millionär, mir diese Villa kaufen werde). Es war so heiß, sogar noch um elf Uhr abends, dass ein getrunkenes Bier nicht schnell genug in den Magen gelangen konnte, bevor es schon heraus geschwitzt war.

Am letzten Tag tat ich es dann. Die unter Touristen gefürchtetste Unternehmung in Varanasi: Ich ging im Ganges schwimmen. Kanadier erzählten von bekannten kanadischen Ärzten im auswärtigen Dienst, die tote kanadische Touristen obduzieren mussten, nachdem sie im Ganges ein Bad genommen hatten. Nach meinem Schwum konnte ich für eine Stunde nicht mehr herunter schlucken. Jedoch habe ich es trotzdem überlebt und bin inzwischen wieder heil im Projekt im erstaunlich abgekühlten Karnataka angekommen.

Meine Aufgaben hier haben sich komplett verändert: Ab nun bin ich der Collge Boys Lehrer, das heißt, meine Schüler sind teilweise älter als ich. Mal sehen, wie sich das auf meine Autoritätsfähigkeit auswirkt. Nachdem acht von zwölf gleich in der ersten Stunde nicht aufgetaucht sind, habe ich gleich mal alle unangemeldeten Ausgänge nach Kalkeri und Dharwad gestrichen und einige Anwesenheitspflichten zu Hausaufgabenzeiten ect. etwas verschärft. Das wird eine harmonische und entspannte zweite Stunde werden...



Mein Beweisfoto. Ich habe mich in der Suppe seelisch reinigen lassen.

Der verhauteste Innenhof der Gegend


Meine Villa mit Partyvorgarten

Die Geburtstagsgruppe


Ist schon nett, sich so bei 40°C durch die Mittagshitze radeln zu lassen.

Die varanasische Skatergang





Die Leichenverbrennungsghats. Man sieht es leider nicht aber hinter dem Holz werden 300 Leichen pro Tag auf Scheiterhäuften verbrannt.

Mein erster Schlangenbeschwörer; wäre auch eine Schande gewesen, ein Jahr in Indien verbracht zu haben und das nicht gesehen zu haben.

Mein Anti-Hitze-Haarschnitt




Freitag, 20. Mai 2011

Nepal

Die Gruppe hatte sich im Laufe der Reise inzwischen von vier auf zwei verkleinert, als Philipp und ich am 5. Mai die Grenze nach Nepal überschritten. Wobei Grenze ein kaum haltbarer Ausdruck ist für das, was Indien und Nepal offiziell teilen sollte: Ein Ort namens Kakarbitta, eine Straße voll mit Geschäften, Fahrradrikschas überall. Dann kam eine Brücke mit einem Haufen untätig herumstehender Polizisten und Soldaten. Das gleiche Bild auf der nepalesischen Seite der Brücke. Wir marschierten munter darüber, mit Pass in der Hand und warteten darauf, dass jemand unser Visum genau kontrollieren würde; nichts, überhaupt nichts. Kein einziger wollte unseren Pass sehen, die 40$ Visagebühren hätten wir uns sparen können. Das ist zwar bei Österreich auch nicht anders aber für zwei Länder, bei denen eins das andere ständig annektieren will, ist das schon ein bisschen lasch. Der erste Eindruck, den Philipp und ich von Nepal (und auch schon des hohen Nordens Indiens) hatten, bezog sich auf Mädchen. Plötzlich sah man Mädchen wieder in kurzen Hosen herumlaufen! Und dann schauen die dich auch noch an! Auf offener Straße! Alles ausgemachte Schlampen da oben im Norden! Also wirklich, keinen Funken Anstand bei dieser Jugend... Nein, man hatte wirklich das Gefühl, dass gesellschaftliche Konventionen und Restriktionen immer weniger wurden, je nördlicher es ging. Das war schon in Darjeeling so, aber in Nepal war es nochmal deutlicher spürbar. Mädchen schauen nicht scheu zu Boden, sobald man sie anblickt, Frauen grüßen von sich aus mit einem deutlichen „Namaste“ - undenkbare Situationen in Karnataka.

Nach ein paar interessanten Tagen in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, wollte ich schnell nach Pokhara, von wo aus es auf einen achttägigen Treck um den Anapurna (8000 irgendwas Meter) gehen sollte. Da Philipp aber noch in Kahtmandu bleiben wollte, dachte ich mir, jung und spritzig wie ich doch bin: Machste eben alleine. Bekräftigungen von allen Seiten: Ja klar, das ist ein Touristenhighway da hoch, da findest du auf jeden Fall ein Haufen Wanderfreunde, mach nur. Nun beging ich aber zwei Fehler. Der erste war, dass ich diesen Leuten Glauben schenkte, die alle in der Zeit von November bis Februar dort oben waren – also in der vollen Hauptsaison. Der zweite, dass ich mich entschied, den Jomson Treck (das ist eigentlich der Abstiegsweg des großen Annapurna Circuit Trecks) zu machen. Sollte ich das Ergebnis in einem Filmtitel benennen, würde es nach meinem großen Bergsteigervorbild Heinrich Harrer „Sieben Tage in Nepal“ werden. Ich stampfte sieben Tage lang durch die Prärie und alle Leute, die ich traf, waren die, die mir entgegenkamen und mich ungläubig fragten, wieso ich den hier hinauf gehe. Das raubt einem zugegebenermaßen anfänglich doch ein wenig die Motivation aber als erfahrener Gipfelstürmer weiß man ja: Niemals entmutigen lassen. Georg ist extra nach Nepal um dort in einem buddhistischen Kloster eine Woche schweigend zu meditieren. Ich habe dies und Wandern extrem zeiteffizient verbunden. Nachdem der Anfang des Trecks auch noch die westlichen Wälder Augsburgs hätten sein können (bis auf die Hüttenpreise: 50 Cent bis max. 2€ die Nacht; incl. heißer Dusche), begann es ab dem Ort Ghasa (2000m) richtig spannend zu werden. Steinwüsten bei lauen 15°C, die Sonne brennt knüppelhart nieder und ohne es zu merken – denn es ist ja kalt und ein wahnsinniger Wind bläst einem um die Ohren – holt man sich in kürzester Zeit einen äußerst unangenehmen Sonnenbrand. Deswegen auch dieses supersexy Handtuch auf so manchem Bild, denn ich hatte dabei, was ich nicht brauchte (Winterausrüstung gegen ca. -20°C) und nicht dabei, was ich dringend gebraucht hätte (z.B. Hut oder einfach nur Sonnencreme). Flusstäler, von wo aus man rechts und links die 8000er stehen sieht und einen Hindutempel und Buddhagompa neben dem anderen. Ich fühlte sich wie in einem Karl Mai Film (außer natürlich die Tempel); ich wartete ständig auf hunderte Indianer, die langsam, entgegen der Sonne nur schemenhaft zu erkennen, nebeneinander aufgereiht hinter einem Bergkamm auftauchten. Ein langsames „uhuuu“ aus der Bansuriflöte und ein paar Tablaschläge. Einfach weggerannt wäre ich ihnen mit meinen 15kg sinnlosem Gepäck, denn ich war derart in Form nach meinen strammen Tagestouren, dass ich schon die Packpferde mit ihren Sherpas mit Leichtigkeit überholte (waren allerdings auch nur Ponys mit jeweils 70kg beladen).

Der zeitweise aufkommende Langeweile, wenn ich mich nicht gerade mit Indianerphantasien beschäftigte, ließ sich auf zwei Arten entgegenwirken: Da der Weg nicht schwer zu laufen war, konnte ich zum einen ausgezeichnet lesen. Ich habe mir einen ausgezeichneten Roman eines Mario Vargas Ilosaüber die Diktatur in der dominikanischen Republik der 60er besorgt. Die zweite Möglichkeit, der monotonen Steigung (ha, wer schnallts?) zu entkommen, war mein mit einer seit Ewigkeiten gleicher Stücke gefüllter Ipod. Unter anderem befand sich dort auch noch eine Vorlesungsreihe darauf, die man bei Itunes University herunterladen konnte. Eine Philosophie-Vorlesungsreihe zum Wahrheitsbegriff des Anselm von Canterburry in De veritate, gehalten von einem einem Prof. Maarten Hoenen an der Universität zu Freiburg. Stundenlang lernend durch die Natur wandern; was gibt es Schöneres? Wenn das in einer zukünftigen Philosophievorlesung drankommen wird, dann werde ich da aber sowas von abstreben!

Das Ziel meiner Wanderung war die Stadt Muktinath auf 3800 Metern, die für Hindus wie Buddhisten ein überaus wichtiger Pilgerort ist. Hier traf ich in der Tempelanlage einen Saddhu aus Karnataka. Sofort kamen wir natürlich ins Gespräch, wo er genau her sei, was ich denn dort mache ect. Am Ende erhielt ich eine Einladung für ein Abendessen in der Pilgerabsteige in Muktinath. Schon aus Kostenersparnisgründen nahm ich dankend an (eine Portion Reis mit Gemüse und Dhal – das arme-Leute Essen schlechthin – kostet dort oben unverschämte 3,50€!). Das Abendessen war der Oberhammer. Ich sollte mich in dem Hinterhof der Polizeistation einfinden, da dort der Übernachtungsplatz für die Pilger sei. Der Saddhu aus Karnataka nahm mich herzlich in Empfang und führte mich zu einer Tür, die mir ungefähr bis zum Bauchnabel ging. Kroch man dort hindurch, fand man sich wieder in einem dunklen, großen Raum mit sehr niedriger Decke. Keine Möbel, eine einzige Glühbirne, sonst nur Kerzen. Nur schemenhaft konnte man die sechs im Raum verteilten Gestalten sehen, alle auf dem Boden sitzend in Decken eingehüllt. Keiner sprach ein Wort. Mein Saddhu war ehemals Software Engineer in Bangalore und sprach daher fließend Englisch. Es wurde Dhal Bat gekocht, die nepalesische Bezeichnung für Reis mit Dhal und Gemüse. Anfangs dachte ich, das Saddhutum sei mehr ein reines Pennerdasein (ist es ja zum Teil auch, denn der Lebensunterhalt wird mit Betteln verdient) und wenn ich die Kollegen betrachtete, machte es auch genau den Anschein. Doch mit der Zeit hatten mich die anderen entdeckt und kamen interessiert zur Kochecke herüber. Es stellte sich heraus, das fast alle hochgebildet waren und die meisten sehr gut Englisch konnten. Der eine hatte ein Geschäft in Goa (hatte auch Business studiert), der andere war lange in Kathmandu tätig (der einzige nepalesische Saddhu). Es wurde ständig Charras geraucht – also Haschisch – denn das ist in Nepal irgendwie nichts anderes mehr als eine Nudelsuppe zu essen; oder aufs Klo zu gehen. Gras wächst in jedem Guesthouse im Blumentopf am Fenster, in den Bergen kann man das Zeug frisch vom Weg abpflücken und die Bauern schimpfen, dass dieses Unkraut ihnen den letzten Nerv raubt. Auffallend war, dass diese Menschen das hatten, was den meisten Indern fehlte: Ein Interesse an der Welt und allem, was über den täglichen Horizont hinausgeht. Die Kerle waren geschichtlich bewandert, wussten wo Deutschland liegt und dass es mal geteilt war oder hatten theologisch was drauf (so gut wie kein gläubiger Hindu kann dir etwas über seine Religion erklären; man macht es einfach so aber man fragt nicht warum oder wieso). Es war einfach ganz leicht ersichtlich, dass diese Menschen mehr gesehen hatten als ihr Dorf und vielleicht noch das Nachbardorf – kein Wunder, denn so mancher wanderte seit 30 Jahren in Indien herum; das bildet!

Ein äußerst befriedigender Abend, der mir aber aufgrund der Schärfe des Ei-Sabbgis meinen Darm gefühlt einmal umstülpte und ich das dritte Mal auf meiner Reise krank wurde (hatte sich aber schnell wieder beruhigt).

Inzwischen bin ich in einem kleinen Bergdorf namens Tansen gelandet, wo ich zwei andere Freiwillige, die hier arbeiten, kennen gelernt habe. Der letzte Abschnitt meiner Reise wird Varanasi sein, von wo aus es 48 Stunden mit dem Zug in mein Projekt gehen wird; jeeeeeeeha!




Anreise mit blinden Passagieren


Wasserfallpool in Ghasa, man konnte prima Baden gehen






Muktinath

Die Saddhutruppe




Schalalalaaaaaaa, am tibetischen "Gipfelkreuz" auf ca. 4200m

Tibetische Gompa from se inseid

Pilger in Muktinath

Mein Saddhu aus Bangalore



Die Wuestenoase Kakbeni

Uhuuuuu, dam dam dam






Poonhill (3200) mit Tasse Kakau


Es nimmt doch ein bisschen mit